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Besuche

 

Ein eigenartiges Gemurmel, lästig und aufdringlich, stocherte im Schlaf von Amanda. Sie ließ die Augen geschlossen und hoffte darauf, dass die Störungsquelle von alleine wieder verschwinden würde. Sie war müde und wollte nur ihre Ruhe haben, aber das nervige Geräusch setzte sich verbissen in ihrem Gehörgang fest.

»Also gut«, seufzte sie, blinzelte verschlafen ins Zimmer und war schon halbwegs parat aufzustehen. Vielleicht war das ein tropfender Wasserhahn, der Klassiker in Sachen Ohrenbelästigung, dessen Klang sich penetrant und mit Schallgeschwindigkeit vom Badezimmer her im ganzen Haus ausbreitete? Es konnte aber auch der eingeschaltete Fernseher sein, oder sonst irgendetwas in der Art. Es dauerte nicht lange, einen ganz kurzen Augenblick nur, bis sie begriff, was sie sah, und das hatte so gar nichts mit einem tropfenden Wasserhahn oder einem laufenden Fernseher zu tun, und schon gar nicht mit »irgendetwas in der Art«. Direkt über ihr thronte, sie wagte es kaum zu denken, geschweige denn auszusprechen, da, da war ein ... ein ... Ungeheuer!

Spätestens jetzt war sie hellwach. Zwei Mal schaute sie hin, kniff die Augen zusammen, öffnete sie wieder, aber nur um sich zu vergewissern, dass es sich nicht um eine optische Täuschung handelte oder sie womöglich träumte. Mit klarem und erstaunlicherweise ruhigem Verstand analysierte sie das schreckliche Bild: eine lang gezogene Schnauze, große, abstehende Ohren und das alles in pechschwarzer Farbe – kein Zweifel, die Beweise deuteten klar auf ein Monster hin. Die schrägen Sehschlitze des überdimensionalen, stumpfen Kopfes, der nur eine Handbreit von ihr entfernt war, wirkten äußerst gefährlich. Es müsste nur sein Maul öffnen, um sie zu verschlingen. Sie fand, dass nun der passende Moment gekommen sei, um richtig lauthals loszuschreien, aber der Ruf nach Hilfe verstummte in ihrem Inneren. Kein Ton rührte sich aus ihrer Kehle. Nicht einmal ein klitzekleiner Vokal.

Warum kann ich nicht sprechen? Hilfe! Hilfe!, ging es ihr durch den Kopf.

Die Panik staute sich in ihrem Mund, wurde aber nicht herausgelassen. Mit angsterfülltem Blick starrte sie weiterhin auf das Ungeheuer, von dessen Bild sie sich kaum lösen konnte, und entdeckte zu ihrer Verblüffung, dass es sprechen konnte. Auch wenn Amanda überhaupt nicht verstand, was es da von sich gab, aber es war eindeutig die Quelle des nervenden Brummelns.

Das wird immer merkwürdiger. Das Monster kann reden und ich nicht. Ich bin wohl nur am träumen!, schnaufte sie erleichtert aus.

Zur Bestätigung wollte sie sich kneifen. Schmerz erschien ihr als ein guter Indikator, um herauszufinden ob sie schlief oder nicht, aber dann stellte sie fest, dass sie sich nicht bewegen konnte. Ihre Finger rührten sich keinen Millimeter weit. Sie versuchte sich aufzurichten, endlich in Schwung zu kommen, wegzulaufen, möglichst weit weg, aber Beine, Arme, Finger, jegliches Körperteil versagte ihr den Dienst. Amanda flehte verzweifelt ihre Muskeln an, sich endlich aufzuraffen, aber das einzige, was offenbar funktionierte, war ihr Verstand. Mehr noch als die Anwesenheit eines Ungeheuers ängstigte sie die Tatsache, dass sie vollständig gelähmt und der Bestie wehrlos ausgesetzt war. Eine Heidenangst überfiel sie. Tausende von Gedanken rasten gleichzeitig durch ihren Kopf. Was war nur mit ihr geschehen? Warum konnte sie nicht reden? Würde es sie fressen, wie der Wolf im Märchen die Großmutter? Sie schaffte es, an dem Monster vorbeizuschielen und erkannte, dass sie sich keinesfalls in ihrem Zimmer befand. Gedächtnisverlust hin oder her, dieser Raum gehörte eindeutig nicht zu ihrem Haus. Amanda wollte gerade weiter auf ihre Umgebung eingehen, als ihr etwas Erfreuliches auffiel: Der Körper der schrecklichen Kreatur war menschlich. Der furchterregende Kopf hatte sich aufgerichtet und den Oberkörper eines Mannes freigegeben, der keineswegs monströs, sondern im Gegenteil nackt, glatt rasiert und sportlich war und dessen Haut speckig glänzte. Allmählich verstand sie.

»Ach, herrje, das ist ja nur eine Maske!«, seufzte sie glücklich auf.

Die Erkenntnis erleichterte und verstörte sie gleichermaßen. Warum setzte sich jemand eine derartige Maske auf? War das Ganze ein schlechter Scherz? Sollte das etwa eine Art Schocktherapie sein, damit sie wieder ihre Erinnerungen zurückerlangte?

Die Maske bedeckte den oberen Teil des Brustkorbs und verfügte über zwei seitlich angebrachte, in Gold gehaltene Streben, die als Halterung zur Befestigung am Körper dienten. Der Mann war lediglich mit einem weißen Schurz bekleidet, der kunstvoll um seine Hüfte gebunden war. Amanda kam seine Kostümierung eigenartig vor.

Aber ... aber ich kenne die Maske, doch, ich glaube, ich hab das Ding schon mal gesehen, ging es ihr nach dem ersten Schrecken durch den Kopf. Nur wo?

Sie ließ ihre Blicke wandern und bemerkte erst jetzt die beiden anderen Männer am Ende ihrer eigentümlichen Liege. Auch sie waren, bis auf den weißen Schurz um ihre Hüften, nackt, hatten kahl geschorene Köpfe, eine ernste Miene und dunkel umrandete Augen. Sie hantierten mit irgendetwas herum, bis Amanda begriff, dass es sich um ihr Bein handeln musste. Es war komplett mit Binden umwickelt. Auch das zweite Bein war bereits verbunden. Und nicht nur das: Mit blankem Entsetzen realisierte sie, dass auch ihre Arme, ihr Körper, alles eingewickelt war. Sie lag da wie ein Päckchen, fertig zum Versand. Was für einen grauenhaften Unfall hatte sie nur erlitten?

Hier musste es sich zweifelsohne um ein Krankenhaus handeln und sie wurde gerade verarztet, was sie ein wenig beruhigte. Die Menschen meinten es gut mit ihr, obwohl sie für Sanitäter eigenwillig angezogen waren. Vielleicht befand sie sich irgendwo im Ausland? Wo um Himmels Willen war sie bloß? Im Moment schwieg derjenige mit der Maske und Amanda versuchte sich wieder bemerkbar zu machen. Aber sie war nicht in der Lage, einen Laut von sich zu geben. Nicht einmal ein Räuspern kam über ihre Lippen.

Aufmerksam betrachtete sie die schweigenden Männer, wie sie kunstvoll ihrer Arbeit nachgingen und Amandas Gliedmaßen mit den meterlangen Binden einpackten.

Die wickeln viel zu fest, überlegte sie und befürchtete, dass ihr Blutkreislauf auf diese Weise im Nullkommanix zum Erliegen kommen würde. War das die Ursache ihrer Lähmung? Hatte man ihr den Saft abgedreht? Ich kann doch unmöglich derart schwer verletzt sein, dass man derart viele Bandagen benötigt?, mutmaßte sie ängstlich.

Amanda probierte erneut zu schreien, herzhaft zu brüllen, irgend einen Laut von sich zu geben, aber kein Geräusch wollte ihr gelingen. Nicht einmal ein Furz. Um nicht durchzudrehen, versuchte sie sich abzulenken, indem sie sich wieder auf den Raum konzentrierte. Die Einrichtung war karg: Auf einem Tisch lagen Binden unterschiedlichster Breite, Dicke und Länge fein säuberlich geordnet. Sie sah Schüsseln und kunstvoll gestaltete Krüge, messerähnliche Werkzeuge und andere metallene Gegenstände, dazu ein Tablett mit kleinen, farbigen Schmuckstücken. Und eine Art Kiste, aus der vier merkwürdige Tierköpfe herauslugten. Einer sah aus wie ein Affe, der andere wie ein Vogel, einer sogar Menschlich und der letzte ähnelte der Maske des vermeintlichen Ungeheuers. Überlagert wurde alles von einem bizarren Geruch, der aus einer Mischung aus Zedernholz, Öl, Räucherstäbchen und Harz bestand.

Das ist unmöglich ein Krankenhaus! Das sieht viel zu primitiv aus. Hiiiilfe! Warum hilft mir denn niemand! Bitte, wenn das eine Therapie sein soll, sie wirkt nicht, mein Gedächtnis ist immer noch verschwunden, also bindet mich wieder los, versuchte sie mit ihren Augen zu zwinkern, aber sie glaubte selbst nicht daran, dass man sie verstand.

Einer der Männer legte ein Schmuckstück auf die zusammengewickelten Füße und begann erneut, Bandagen darum zu wickeln, nachdem derjenige mit der Maske nach einer Pause wieder zu sprechen begonnen hatte.

Währenddessen fielen ihr die Malereien auf. Die Wände waren bunt bemalt mit Menschen, die ähnlich aussahen wie die Männer in dem Raum und lauter seltsamen Zeichen... sie erinnerten sie ... Amanda musste schlucken. Erschüttert konnte sie kaum den Blick von ihnen abwenden.

Das durfte nicht wahr sein!

Plötzlich bekam alles einen Sinn. Mit einem Mal wusste sie auch, an was für ein Tier die Maske sie erinnerte: an einen Schakal. Die Erkenntnis übermannte sie und verursachte bei ihr eine nie da gewesene Hoffnungslosigkeit und Angst. Sie war im Ausland. In Ägypten! Eindeutig! Das da an der Wand waren Hieroglyphen. Und dann die typischen bunten Bilder, die man spätestens seit der Entdeckung von Tutanchamuns Grab her kannte. Himmel noch mal, in welchem Ägypten war sie? Doch nicht etwa im Tausende von Jahren zurückliegenden Ägypten? Unmöglich! Hatte man sie erneut zu einer Zeitreise gezwungen? Sie konnte sich nicht erinnern. Aber wehe, wenn Condan dahinter steckte! Sie entsann sich jetzt wieder glasklar der Dokumentation, die sie damals im Fernsehen verfolgt hatte. Nun wusste sie auch, weshalb ihr die Maske bekannt vorkam. Vor ihren Augen spulte sie den Fernsehbericht ab, den sie anscheinend nicht vergessen hatte. Der Mann mit der Maske war ein Priester, welcher einen Gott darstellte, na wie hieß er denn, irgendetwas mit O ... nein, I ... hm, eher A ... Ana… Anu… hm, Anubis. Der Schutzgott der Mumifizierung und der Einbalsamierer. Die langwierige Prozedur der Mumifizierung mit all ihren komplizierten Ritualen, um für den Toten auch im Jenseits die Möglichkeit zu schaffen, weiterhin leben zu können. Fasziniert hatte sie damals zugeschaut, als erklärt wurde, wie der Ablauf vonstatten ging. Aber dazu musste man tot sein und das war sie bestimmt nicht.

Hiiiiiilfe! Ihr macht einen riesigen Fehler! H I L F E!, probierte sie es erneut.

Amanda blieb weiterhin reglos und sprachunfähig. Sie versuchte sich an Details der Dokumentation zu erinnern. Bevor man dem Leichnam seine Flüssigkeit entzog, indem man ihn gut fünfundvierzig Tage lang in Natron legte, entnahm man ihm sein Gehirn und diverse andere Organe. Amanda war aber im Besitz ihres Gehirnes, weil sie noch denken konnte. Ein eindeutiger Beweis, dass sie nicht tot war, oder? Sollte sie sich nun darüber freuen oder weinen? Sie wusste es nicht so recht. Und ihre anderen Organe musste sie auch noch besitzen, sonst wäre sie ja gar nicht mehr lebensfähig. Die Kiste mit den vier eigenartigen Köpfen kam ihr in den Sinn.

Das sind diese Kann… Kana… Kano… Kanopen. Die Gefäße für die Eingeweide, Leber, Lunge und ... ach, ist ja egal. Als ob das eine Rolle spielte.

Wie konnte sie sich nur bemerkbar machen? Weinen? In einem solch entsetzlichen Moment müssten ihr die Tränen geradezu hinausschießen, aber nichts dergleichen geschah. War sie vielleicht doch schon tot? Ausgetrocknet? Ein Zombie?

Ein vierter Mann kam hinein. Er ging zu dem Tischchen mit den Binden, nahm eine und wandte sich ihrem Kopf zu. Amanda probierte erneut, mit ihren Augen auf den Irrtum aufmerksam zu machen. Aber der Einbalsamierer holte sich stattdessen Verstärkung. Nun waren zwei damit beschäftigt, ihren Kopf einzuwickeln. Amanda drohte an ihrem stummen Schrei zu ersticken.

Merkten die denn nichts?!

Fünfzehn Tage dauerte das Einwickeln eines Leichnams. Nach siebzig Tagen war die Mumie fertig. Sie hatte sich die beiden Zahlen deshalb gut merken können, weil ihre Tante an einem Fünfzehnten Geburtstag hatte und siebzig Arten kannte, um eine Kartoffel zu verarbeiten. Damit gab sie bei jeder Gelegenheit an. Nicht alle siebzig Variationen waren allerdings auch genießbar. Die Nummern Zweiundfünfzig und Dreiundsechzig waren solche Kandidaten, die nur Estragonsüchtigen und Menschen ohne jegliche Geschmacksknospen zuzumuten waren. Amanda hätte sich am liebsten vor Ekel geschüttelt, wenn sie nicht gerade fest zugeknotet gewesen wäre. Estragon, igitt ... aber ... Mensch, das war ja eine Erinnerung! Tatsächlich! Eine vollkommen absurde und unwichtige Erinnerung, aber eine Erinnerung. Die Schocktherapie half vielleicht doch? Trotzdem wollte sie, dass die Männer aufhörten an ihr herumzuwerkeln. Sie fühlte sich eindeutig zu lebendig, um eine Mumie zu werden. Man stopfte ihr in Öl getränkte Binden in die Nase, deren Geruch widerlich war.

Ich ersticke! Ich ersticke!!!!

Ein Gefühl von Wahnsinn beschlich sie. Konnte man vor Angst zerbersten? Gleich würde man ihr die Augen verbinden.

Nein, bitte nicht, meine Augen! Bitte, bitte nicht!

Die Dunkelheit umhüllte sie rasch und scherte sich nicht im Geringsten um ihre Angst. Dann fühlte sie, wie man eine Binde über ihren Mund legte. Dann noch eine und noch eine.

Wie lange wird es wohl dauern, bis ich sterbe? Wird es wehtun?, schloss sie mit ihrem Leben ab.

Amanda wollte sich bewegen, sie versuchte sich erneut aufzubäumen, aber sie blieb ein fest geschnürtes Bündel, verdammt dazu, lebendig begraben zu werden. Dann bemerkte sie, warum sie nicht in der Lage gewesen war zu sprechen: Sie hatte keine Zunge. Wieso hatte sie eigentlich keine Zunge mehr? Und warum bemerkte sie das erst jetzt? Aber das war nun unwichtig. Es konnte nur eine Frage von Sekunden sein, bis sie jämmerlich erstickte, mit oder ohne Zunge. Das letzte was sie spürte, waren die Hände um ihren Kopf, die immer weitere Lagen von Binden anbrachten.

 

Schweißgebadet erwachte Amanda. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie sich um. Alles erschien vollkommen normal, jedenfalls so, wie man es im Zimmer eines Teenagers vermutete: Schrank, Tisch, Stuhl, Kleinkram, natürlich ihr Bett – alles an seinem Platz. Die Wände waren frei von Hieroglyphen und schimmerten in einem hellen Grün. Es war ihr schleierhaft, wie sie sich zu dieser Farbe hatte entscheiden können. Ängstlich tastete sie ihren Körper ab und stellte beruhigt fest, dass alles in Ordnung war. Sogar ihre Zunge befand sich noch an Ort und Stelle. Keine Bandagen. Nichts war festgezurrt. Alles war frei beweglich. Sie befand sich in ihren eigenen vier Wänden, weit entfernt von irgendeinem Ägypten, mitten im regnerischen Chippenham. Ein nasser, grauer Vorhang aus Wolken, die beständig Wasser verloren, als ob sie ein Leck hätten, vermieste den Leuten die Sommerfreuden, löste die blaue Farbe des Himmels auf und verwandelte den Tag in ein einziges Trauerspiel. Die Tropfen prasselten unermüdlich runter und plätscherten in einem stumpfen monotonen Rhythmus.

Amanda überblickte skeptisch ihr Reich, das Zimmer, in dem sie sich nunmehr seit vier Tagen befand, und versuchte sich zu erinnern. An ein Leben vor dem Verlust ihrer Identität. Aber so oft sie sich auch alles ansah, nichts kam ihr bekannt vor.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Andauernd hatte sie Durst, kaum hatte sie ein Glas getrunken, musste sie ein weiteres hinterhernehmen. Ian hatte ihr mal aus Spaß gesagt, dass sie wohl undicht sein müsse. Irgendwie fand Amanda dies nicht einmal abwegig. Vielleicht war durch dieses Loch auch ihre Erinnerung rausgeschlüpft? Wie dem auch sei, sie musste etwas trinken. Unsicher nahm sie den Krug und wollte sich ein Glas Wasser einschenken, aber sie gab ihr Vorhaben gleich wieder auf, weil ihre Hände zitterten. Zu tief steckte ihr der eben erlebte Albtraum noch in jeder Pore.

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es erst früher Nachmittag war. Trotzdem machte sie die Lampe an, um der fahlen Tristesse von draußen etwas entgegenzusetzen. Darüber hinaus fühlte sie sich mit etwas Licht auch wesentlich sicherer. Und Sicherheit war wichtig, wenn einem das Herz wild trommelte und die Atmung hin und her hüpfte. Zu eindrücklich waren die Bilder gewesen, zu präsent, zu echt. In ihrer Nase meinte sie den Geruch des Öles wahrzunehmen. Vielleicht handelte es sich aber auch nur um jenen eigenwilligen Gestank, der sie seit Tagen begleitete und den sie sich nicht schlüssig erklären konnte. Irgendetwas Scheußliches zwischen Schimmel, Moder und Qualm.

Erneut versuchte sie sich etwas Wasser einzuschenken. Das Unterfangen gelang, obwohl einiges daneben schwappte. Gierig trank sie das Glas leer.

Vielleicht hat der Traum, oder besser gesagt Albtraum, etwas mit meinem Unfall zu tun? Immerhin bin ich auch in Wirklichkeit verletzt. Und vielleicht habe ich das Plätschern des Regens als Gemurmel eines Priesters in den Albtraum einfließen lassen? Hm, anscheinend habe ich in meiner Vergangenheit zu viel Fernsehen geschaut … Pah, ich kann mich ja an rein gar nichts mehr erinnern ... obwohl ... das mit der Tante und der Kartoffel ... ich muss Ian danach fragen. Vielleicht habe ich tatsächlich echte Erinnerungen verarbeitet in meinem Traum?, folgerte sie.

Amanda trank noch ein Glas Wasser. Die Schmerzen in ihrem Rücken tauchten wieder auf. Zwar war die Medizin, die ihr Nisien dagelassen hatte, sehr effektiv, und die kleinen Wunden heilten gut und schnell ab, trotzdem fühlte sich Amanda keinen Deut besser als vor wenigen Tagen. Das Sprechen fiel ihr aufgrund der Quetschungen an ihrem Hals immer noch schwer. Nur Wasser ließ sich leicht schlucken. Ihr Menü bestand aus pürierten Suppen und Joghurts. Seltsamerweise stellte ihre Mutter keinerlei Fragen bezüglich ihrer Ernährung. Denn ein Fahrradunfall, mit dem man ihr mittels Gehirnwäsche die Verletzungen erklärt hatte, bedurfte zur Heilung in der Regel keiner solchen Schonkost.

Die meiste Zeit über döste oder schlief sie traumlos. Hätte das nicht so bleiben können? Stattdessen gaukelte ihr das Gehirn heute einen solchen Schwachsinn vor!

»Ich muss mich ablenken. Ian! Ich sollte mit Ian sprechen«, sagte sie bestimmt.

Schwerfällig erhob sie sich und schlürfte hinaus. Ratlos blieb sie kurz stehen, . dann klopfte sie zaghaft an seine Tür. Niemand antwortete. Sie wagte einen erneuten Anlauf, da sie eindeutig jemanden hinter der Tür reden hörte.

»Herein!«, klang es mürrisch von der anderen Seite.

Amanda betrat unsicher Ians Zimmer und stellte fest, dass er nicht alleine war. Dieser, wie hieß er noch gleich ... ach ja, Bréanainn, war bei ihm. Neugierig drehten beide gleichzeitig den Kopf zu ihr.

»Oh, hallo. Wie geht es dir heute?« Bréanainn klang freundlich und besorgt. Er wollte ihr entgegenkommen, aber Amanda wich einen Schritt zurück, sodass Bréanainn respektvoll stehen blieb.

»Hm.« Amanda schaute verlegen vom einen zum anderen.

»Ja?« Bréanainn wartete auf eine Erklärung.

»Seit sie zurück ist ... ähm, ich meine, das Gedächtnis verloren hat, redet sie nicht mehr so viel. Das hat auch seine Vorteile«, meldete sich Ian zu Wort und grinste unverschämt.

»Ich ... ich wollte mit Ian reden, aber ich will nicht stören. Ich ...« Amanda machte auf dem Absatz kehrt und ging hinaus. In Anwesenheit von Bréanainn hatte sie keine große Lust, über ihren eigenwilligen Albtraum zu sprechen.

 

»Geht es ihr besser?«, fragte Bréanainn, als Amanda die Tür hastig verschlossen hatte.

»Tja, jedenfalls nicht schlechter. Sie isst wenig, trinkt viel und redet kaum. Schläft die meiste Zeit über. Manchmal schauen wir uns Fotos an. Es macht ihr ziemlich zu schaffen, dass sie alles vergessen hat.«

»Das ist auch keine einfache Situation für sie. Für uns alle. Hoffentlich erinnert sie sich bald wieder.«

Ian zuckte ratlos mit den Schultern.

»Ewig kann das Theaterspiel nicht funktionieren«, sagte er und kratzte sich ausgiebig hinter dem Ohr.

»Lass dein Tattoo in Ruhe, sonst entzündet es sich noch.«

»Aber es juckt ständig.«

»Stell dich nicht an.«

»Ich habe das Gefühl, ihr habt mir da Juckpulver untergemischt oder so was ähnliches.«

»Das bildest du dir nur ein. Lass uns weitermachen. Wir müssen noch den Lernplan besprechen.«

Im Grunde genommen hatte Ian recht, nicht mit dem Juckpulver, aber mit dem »so was ähnlichem«. Bréanainn war erstaunt, dass er auf die geheime Zutat in der Tätowierung derart sensibel reagierte. Die meisten bemerkten rein gar nichts davon. Eigentlich tat ihm Ian ein wenig leid. Nach Bréanainns Ansicht hatte er sich mit der Zeitreise bereits für die Mitgliedschaft in Arlana qualifiziert, aber der Rat sah das anders: Ian stand noch eine Reihe von Prüfungen bevor. Der chemische Zusatz in der Tätowierung diente der Überwachung seiner Gedanken. Den dazugehörenden Chip hatten sie ihm bei seiner Nachkontrolle unauffällig in den Oberarm implantiert, ohne eine äußere Verletzung zu hinterlassen. Ian wusste noch nicht einmal, dass er einige Minuten ohne Bewusstsein gewesen war. Sollte ihn jemand aushorchen, er eventuell im Begriff sein sich zu verplappern – Arlana würde es umgehend wissen und die geeigneten Maßnahmen in die Wege leiten.

 

Amanda beeilte sich, wieder in ihr sicheres Revier zu gelangen. Bréanainn zu treffen war ihr unangenehm. Skeptisch betrachtete sie sich im Spiegel und schüttelte resigniert den Kopf. Nicht nur, dass ihr die Person im Spiegel reichlich unbekannt vorkam, sie sah ziemlich mitgenommen und zerzaust aus. Ein zerknittertes langes gelbes Shirt mit einem vergnügtem smilie zwinkerte ihr zu. Wie eine Vogelscheuche. Auf das Bild hätte sie liebend gern verzichtet. Was mussten sie nur von ihr halten? Dabei hatte Bréanainn recht gut ausgesehen, obwohl er offenbar ebenfalls verletzt worden war, wie ihr Ian erzählt hatte. Seine Haare waren nun etwas kürzer geschnitten, weil sie teilweise angesengt worden waren, aber seine Schnittwunde schien ihm keine Mühe zu bereiten. Sogar Ian nahm sich zusammen und jammerte nicht über seine Verletzungen. Dank der Salbe von Nisien heilte die Brandwunde an seiner Hand sehr schnell ab. Ebenso die Striemen an den Handgelenken, die immer schwächer an die Fesseln aus dem Keller erinnerten. Und den Verband um seinen gebrochenen Finger hatte man bunt bemalt. Amanda wunderte sich über sich selbst. Bréanainn oder irgendwelche Schönheitsprobleme sollten momentan ihre letzte Sorge sein.

Wie konnte sie es nur schaffen, sich wieder zu erinnern? Bisher waren all ihre Bemühungen erfolglos. Amanda war ihre persönlichen Sachen durchgegangen, erzielte aber bei keinem Stück einen Wiedererkennungseffekt. Sogar ihre eigene Schrift kam ihr fremd vor.

»Ach was, Bréanainn hin oder her. Ich werde jetzt mit Ian reden. Ich muss wissen, ob wir eine Tante haben.«

Amanda war gerade im Begriff zu gehen, als jemand leise an ihre Tür klopfte.

»Ja?«

»Amanda? Du hast Besuch«, meldete sich ihre Mutter.

Ein Mädchen mit schwarzem, schulterlangem Haar huschte in ihr Zimmer. In der Hand hielt sie ein in Geschenkpapier gewickeltes Päckchen.

»Dann lass ich euch mal alleine.«

Amanda schluckte umständlich. Kannte sie die Person? Sie waren erst vor kurzem nach Chippenham gezogen und mitten in das Schulleben hineingeschubst worden. Hatte sie schon Freundschaften geschlossen? Sie durfte sich keine Blöße geben.

»Hallo«, sagte sie unsicher und verkroch sich schnell unter der Decke.

»Hallo, Amanda.« Die Stimme klang selbstsicher und frech. Neugierig musterte das Mädchen Amandas Zimmer und baute sich vor ihrem Bett auf.

»Wir haben von deinem Unfall gehört, und ich soll dir im Namen der Klasse unsere Genesungswünsche ausrichten. Bist du auch erkältet?«

»Erkältet? Ach, das Halstuch. Ja, ja, ein wenig Halsweh.«

Amanda verdeckte die Striemen an ihrem Hals mit einem Tuch, um keinen Verdacht zu erregen. Striemen, die sie sich nicht erklären konnte.

»Ach, so. Na dann, das hier ist für dich.« Mit einer großzügigen Geste überreichte sie das Päckchen.

»Danke ...« Amanda wollte ihren Namen sagen, konnte sich aber nicht erinnern. Anscheinend hatte sie Anschluss gefunden. Das freute sie.

»Willst du es nicht auspacken?« Die Augen ihres Gegenübers funkelten verschwörerisch und Amanda zögerte einen Augenblick.

»Ja, ja, natürlich«, sagte sie und beeilte sich, das Päckchen aufzureißen. Zum Vorschein kam eine Pralinenschachtel. Auf Süßigkeiten hatte Amanda jetzt keine Lust, aber es war auf jeden Fall nett, dass man an sie gedachte hatte.

»Willst du sie nicht probieren?«

Langsam überkam Amanda das Gefühl, dass ihr Gegenüber irgendetwas im Schilde führte. Das Gedächtnis hatte sie zwar verloren, aber verblödet war sie deswegen noch lange nicht. Misstrauisch beäugte sie ihr Geschenk.

»Ähm, später vielleicht.«

»Na, komm schon. Eine. Mir zuliebe. Immerhin bin ich den ganzen Weg durch den Regen gekommen.« Wie zufällig fiel ihr Blick auf den nassen Ärmel und sie seufzte gequält auf.

Amanda nickte ergeben und gab sich geschlagen. Als sie die Schachtel öffnete, erschrak sie, hielt ihren Aufschrei aber unter Kontrolle: Sämtliche Pralinen waren angeknabbert und mit unappetitlichen Regenwürmern, die äußerst lebendig einen Weg in die Freiheit suchten, garniert. Amanda schob einen eifrigen Ausbrecher flugs wieder zurück und klappte die Schachtel flink zu.

»Irgendwas nicht in Ordnung?«

»Ähm, nein. Alles bestens. Ich weiß nur nicht, welche ich zuerst probieren soll. Die sehen alle so lecker aus. Leider habe ich vor einigen Minuten meine Medizin genommen und dann darf ich mindestens zwei Stunden lang nichts mehr essen. Zucker verträgt sich nämlich nicht gut mit meinen Medikamenten. Aber später greife ich gerne darauf zurück.«

Ein wenig zeigte sich das Mädchen enttäuscht, dass ihr Geschenk nicht die erhoffte Wirkung erzielt hatte. Das war eindeutig nicht Amandas Freundin. Zudem hatte sie sich ziemlich viel Mühe mit ihrer gemeinen Aktion gemacht, und Amanda fragte sich, womit sie das verdient hatte.

»Amanda?« Ian und Bréanainn stürmten unaufgefordert hinein.

»Oh, Stefanie. Was machst du denn hier?«, wollte Ian wissen.

Stefanie, so hieß das Miststück also. Der Name sagte Amanda herzlich wenig, aber sie würde ihn sich merken.

Stefanie wandte sich Bréanainn zu und schien ganz angetan von ihm zu sein, während sie Ian gekonnt ignorierte. »Wen haben wir denn da? Du bist nicht auf unserer Schule, das wäre mir aufgefallen.«

»Ich gehe in die gleiche Klasse wie Amanda und heiße Stefanie. Und du bist ...?«, erkundigte sie sich zuckersüß und ließ Bréanainn dabei keine Sekunde aus den Augen.

»Überrascht.«

Bréanainn nahm die ihm angebotene Hand entgegen und schüttelte sie mit einem höflichen Lächeln. Gleichzeitig verschaffte er sich telepathisch einen Überblick über Stefanie. Sie schien ein großes Interesse an ihm zu haben, was Bréanainn belustigt zur Kenntnis nahm. Er erinnerte sich an die Auseinandersetzung zwischen Stefanie und Amanda. Was war seitdem nicht schon alles geschehen ...

»Überrascht?« Stefanie war pikiert, weil er seinen Namen nicht genannt hatte. Woher kannte Amanda bloß einen solchen Typen? Das hätte sie ihr gar nicht zugetraut. Der sah noch besser aus als Derek. Schwarzes Haar ... tatsächlich mit dunkelblauen Strähnen.

»Na ja, dass an so einem regnerischen Tag doch noch ein Sonnenschein zu sehen ist.«

Mir wird gleich schlecht, stöhnte Ian auf und musterte Bréanainn ungläubig. Flirtete er etwa mit der? Ian hätte ihm wahrlich einen besseren Geschmack zugetraut.

Stefanie errötete und lachte gekünstelt auf. Amanda beobachtete die Szene mit einer Spur wachsenden Missfallens.

»Wegen deiner netten Freundin hast du vor kurzem einen Tadel erhalten. Ihr habt euch in der Mensa mit Lebensmitteln beworfen und geprügelt.«

Amanda zuckte zusammen. Das musste Bréanainn gewesen sein, der sich da telepathisch bei ihr einschlich und sie informierte. An den Gedanken, dass man miteinander kommunizierte, ohne die Lippen zu bewegen, konnte sie sich immer noch nicht gewöhnen. Aber sie war ihm für die Aufklärung dankbar. Jetzt ärgerte sie die Tatsache, dass Stefanie einfach auftauchte, um ihr dieses »Geschenk« zu überreichen, umso mehr.

»Ich denke, wir sollten Amanda nicht lange belästigen. Sie muss sich erholen. Wenn du willst, begleite ich dich hinaus«, bot Bréanainn Stefanie an.

»Natürlich. Sie muss sich schonen. Gute Besserung, Amanda.« Stefanie würdigte sie keines weiteren Blickes mehr und folgte Bréanainn aufs Wort.

»Puh! Was hat die hier gewollt?«, erkundigte sich Ian.

»Nun, sie hat mir ein kleines Geschenk mitgebracht.« Amanda zeigte ihm die Schachtel.

»So ein Biest! Dass Bréanainn auf die abfährt, hätte ich nicht gedacht.«

»Ist schon okay. Wenn du schon mal da bist, möchte ich dich etwas fragen. Haben wir eine Tante, die an einem Fünfzehnten geboren ist und siebzig Kartoffelrezepte beherrscht?«

»Du erinnerst dich an Kartoffel-Sophie? Ist ja seltsam. Die hatte vor zwei Jahren eine schwere Krankheit und lag deswegen sogar im Koma. Ist wie durch ein Wunder wieder gesund geworden. An was genau erinnerst du dich denn?«, fragte Ian ungläubig.

Amanda erzählte ihm von ihrem Traum. Es tat gut, darüber zu sprechen.

»Ganz schön krasses Zeugs, was du da träumst. Aber, dass du dich ausgerechnet an Sophie erinnerst? Mit der haben wir wenig Kontakt. Kartoffel-Sophie ist die Schwester von Dad, und die beiden haben sich ganz schön verkracht. Mir wird immer noch schlecht, wenn ich an ihre Estragonexperimente denke. Die armen Kartoffeln ...«

»Tja. Immerhin ist es auch ein gutes Zeichen. Meine Erinnerung kehrt langsam zurück. Wenn auch auf sonderbare Art und Weise.«

Bréanainn kam wieder hinein.

»Sag mal, musstest du so dick auftragen mit dem ›Sonnenschein‹? Das ist eine ziemliche Zicke, falls du es nicht bemerkt hast!«, empörte sich Ian.

Bréanainn grinste.

»Hältst du mich etwa für derart einfältig? Ich habe ihr eine kleine ›Anweisung‹ mit auf den Weg gegeben.«

»Anweisung?«

»Heute ist Waschtag im Gehirn.«

»Ach, okay, dann ist ja gut.«

»Sie soll sich von Amanda fernhalten. Solche Besuche können wir nicht gebrauchen.«

»Warum habt ihr sie überhaupt erst zu mir gelassen?«

»Ich wollte sehen, wie du auf sie reagierst und ob du dich an sie erinnerst«, erklärte Bréanainn nüchtern.

Ian und Bréanainn zogen sich diskret zurück, während Amanda ihren Gedanken nachhing. Bald sank sie wieder in einen traumlosen Schlaf.

»Amanda? Schläfst du?«, erkundigte sich eine Stimme. Langsam öffnete sie die Augen. Nach dem letzten Albtraum hatte sie die Befürchtung, dass sie gleich wieder einem Monster ins Angesicht blicken müsste. Stattdessen sah sie einen freundlich dreinschauenden Mann vor sich sitzen.

»Ähm, nein. Ich döse nur vor mich hin.«

Der Mann nickte und zog einen Stuhl zu ihrem Bett heran.

Wer war das?

»Als ich gehört hatte, dass ihr einen Unfall hattet, war ich gerade auf dem Meer und konnte nicht schnell wieder an Land. Du siehst ziemlich mitgenommen aus. Wie geht es dir?«

Amanda richtete sich im Bett auf und versuchte sich zu erinnern, wer der Unbekannte sein könnte. Er besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit Ian. Und er hatte einen Dreitagebart, was ihm ein leicht verwegenes Äußeres gab, grau-grüne Augen und eine braune Haarmähne, die dringend eines Friseurs bedurfte. Seine Kleidung bestand leger zusammengewürfelt aus einer blauen Jeans, kombiniert mit einem blau-weiß gestreiften T-Shirt. Er sah wie ein Matrose aus. Amanda kramte ungeduldig in ihrem Gehirn nach einem Anhaltspunkt. Dann fiel es ihr ein. Das war ihr Vater! Sie erinnerte sich an die Fotos, allerdings trug er dort die Haare nicht flippig und steckte in einem Smoking. Beinahe hätte sie ihn nicht erkannt. Auf den Bildern hatte er ihr besser gefallen.

»Mir geht es gut ...« Wie redete sie ihren Vater bloß an? Vater? Papi? Dad? Ian hatte erwähnt, dass sie ihre Mutter neuerdings Ma rufen würden. Nicht Mum. Jeder Name fiel ihr schwer, solange er ohne den notwendigen Kontext stand.

»Du wunderst dich bestimmt über meine Haare und meinen Aufzug« Er lachte und fuhr sich mit der Hand durch die Mähne. »Wie gesagt, wir waren gerade unterwegs. Auf See weht bekanntlich ein rauer Wind.«

»Was ... was habt ihr gemacht?«

»Oh, wir waren auf unserem großen Segeltörn, davon habe ich euch doch erzählt. Ich wollte entspannen, eine Pause machen nach ... nach allem was passiert war, bevor ich mich wieder der Musik widme.«

Amanda erinnerte sich, was ihr Ian über ihren Vater erzählt hatte. Er war von Beruf Dirigent und viel unterwegs. Ians Meinung nach ein Grund, weshalb die Ehe ihrer Eltern zerbrochen war.

»Hm.« Amanda hatte herausgefunden, dass die zwei Buchstaben äußerst nützlich sein konnten und oft ausreichten, wenn man sich vor einer Antwort drücken wollte.

»Amanda?« Ian öffnete zaghaft die Tür.

»Oh, Dad? Ich wusste nicht, dass du hier bist. Ich habe Stimmen gehört …«

»Ich wäre gleich zu dir rübergekommen. Eure Mutter hat mich informiert. Also, neue Fahrräder bekommt ihr so schnell nicht wieder von mir. Ich habe mir einen riesigen Vortrag darüber angehört, dass ich indirekt schuld an dem Unfall sei.«

Ian verzog das Gesicht, dann ging er auf seinen Vater zu und umarmte ihn. Wehmütig beobachtete Amanda den Augenblick. Sie kam sich ausgeschlossen und alleine vor.

»Amanda braucht viel Schlaf. Komm rüber. Ich stelle dir meinen neuen Freund vor.«

Ihr Vater beugte sich zu Amanda und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

»Gute Besserung, Amanda.« Amanda nickte und schluckte einen dicken Kloß hinunter. Über ihren Gedächtnislücken hatte man ein großes Netz aus Lügen, die sie nicht wollte, und aus Geheimnissen, die sie nicht verstand, gewebt, und nun hockte sie darin und kam sich einsamer denn je vor. Zugeschnürt, wie in ihrem Traum. Sie ging sogar so weit, sich zu fragen, ob sie ihr altes Leben überhaupt noch haben wollte. Sollte sie nicht abhauen und irgendwo ganz von vorne beginnen?

Immer noch regnete es, und unter das einsilbige Geräusch des Schauers mischten sich ihre Tränen voll Bitterkeit, Sehnsucht und Verzweiflung.


2

Koma

 

»Wie geht es ihr?«, erkundigte sich Rovena bei ihrer Schwester. Seit ihrem jämmerlichen Scheitern in Avignon hatte sich Lavena verändert. Eine ausgesprochen schlechte Laune ging von ihr aus und wegen jeder Kleinigkeit zerriss sie einem gleich in der Luft.

Beide schauten in das Quarantänezimmer, das durch eine dicke Glasscheibe von der Außenwelt getrennt war. Marie lag in ihrem Krankenbett und kämpfte gegen die Pest und die Strapazen der Zeitreise. Ihr Gesicht war kreidebleich und wurde von fahlen Haarsträhnen bedeckt. An ihrem Hals zeigte sich bereits die erste hässliche Beule, die in einer Mischung aus schwarz, violett und grün auf ihrer blassen Haut sofort als Fremdkörper auszumachen war. Man wollte noch warten, bevor man sie chirurgisch entfernte, weil das Risiko zu groß sei, dass sich die Bakterien in den Blutkreislauf einschleusen könnten. Marie war einfach zu sehr geschwächt, auch ohne die Zeitreise. Die Krankheit tobte sich in ihrem Körper aus und kontrollierte ihn vollständig. Sie verschwand förmlich in dem Bett und wirkte zerbrechlicher denn je. Momentan lag sie in einem künstlichen Koma und die Hoffnung auf eine Genesung war minimal.

»Na, wie schon? Das siehst du doch, oder?«

»Keine Veränderung?«

»Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden. Wenn diese blöde Pute nicht dazwischengekommen wäre, dann ... dann ...«

»Reg dich nicht auf«, versuchte Rovena sie zu beschwichtigen. »Weißt du, wo Tanguy steckt?«

»Tanguy? Der hat sich in seine Räumlichkeiten zurückgezogen und will niemanden sehen. Vor allen Dingen nicht uns! Wir haben versagt, komplett versagt!« Lavenas Halsschlagader schwoll gefährlich dick an. Ihre Schwester wollte sie in den Arm nehmen und trösten, aber Lavena stieß sie unsanft fort.

»Ich brauche dein Mitleid nicht!«, fauchte sie.

»Es bringt doch nichts, wenn du ständig hier herumstehst und zu ihr rüberglotzt. Davon wird sie auch nicht wieder gesund.«

»Was schlägst du denn vor?«, giftete Lavena zurück.

»Glaub mir, Tanguy wird schon eine Möglichkeit finden, sie zu retten. Du ... wir ... wir werden uns wieder rehabilitieren. Und Amanda wird dafür bezahlen, glaube mir! Sie wird dafür bezahlen!«


3

Unter Beschuss

 

»Condan, wir haben diese Sitzung einberufen, weil wir für die Ereignisse der letzten Tage Rechenschaft von dir verlangen«, eröffnete Maccus energisch die Versammlung. Der Rat von Arlana war geschlossen angetreten und Condan ahnte, dass er einen schweren Stand haben würde. Nun saßen sie am großen Tisch, an dessen hufeisenartiger Form Casey gegenüber von Condan Platz genommen hatte, der ihn angespannt betrachtete. Neben Condan hatte sich Andraste eingefunden, begleitet von Maccus, dann Linette und schließlich Cara, wobei Casey den Abschluss bildete. Alle trugen ihre weißen Tuniken und wirkten feierlich, obwohl die Zusammenkunft wenig Erfreuliches versprach. Sogar Linette mit ihren grünen, sanften Augen war angespannt. Sie kaute unablässig auf ihrer Lippe herum. Ihr langes, blondes Haar hatte sie wieder kunstvoll zu einem Zopf rund um ihren Kopf drapiert. Die geordnete Frisur stand jedoch im Widerspruch zu ihrer Nervosität.

»Mich interessiert vor allem, ob du den Spion schon dingfest gemacht hast«, ereiferte sich Casey, dessen rotes Haar noch intensiver zu leuchten schien als sonst.

»Das interessiert nicht nur dich alleine«, fuhr Cara dazwischen. Noch mehr weiße Strähnen durchzogen ihr offenes, langes schwarzes Haar. Falten legten sich auf ihre Stirn und begleiteten ihren nachdenklichen Blick. Bréanainn nannte sie aufgrund ihrer Frisur und der etwas zu langen Nase manchmal scherzhaft Mrs Adams, von der skurrilen Adams-Familie, für die gruslige Situationen zum ganz normalen Alltag gehörten. Aber Condan war heute nicht zum spaßen zumute.

Er seufzte, räusperte sich und begann mit seinem Bericht, man hätte es auch »Plädoyer« nennen können.

»Ich habe eine umfassende Befragung in die Wege geleitet. In Frage kommen, uns eingeschlossen, insgesamt rund ein Dutzend Personen, davon fünf Techniker und natürlich Bréanainn. Ihr wisst, dass ich jeden Einzelnen genauestens untersucht habe, und Andraste war so freundlich, mich zu vernehmen.«

Andraste nickte zustimmend. Sie hatte ihr langes, brünettes Haar zu einem strengen Zopf nach hinten frisiert, was einen harten Kontrast zu ihren sanften, braunen Rehaugen bildete. Ihre Nasenflügel zitterten leicht und sie wirkte aufgewühlt.

»Das Ergebnis ist leider negativ ausgefallen. Wir haben bei niemandem eine Anomalie feststellen können. Es ist uns ein Rätsel, wen Tanguy für die Sabotage an der Zeitmaschine benutzt haben könnte.«

»Habe ich richtig gehört, ein Rätsel? Du nennst es ein Rätsel?« Maccus geriet in Rage. »Es geht hier immerhin um die Sicherheit von Arlana! Um unsere Sicherheit! Als Druide solltest du doch in der Lage sein, das Rätsel zu lösen. Immerhin war er dein Schüler. Hat da etwa der Schüler den Lehrer überflügelt?«, stichelte Maccus höhnisch.

Condan rieb sich die Schläfen. Das würde eine harte Schlacht werden.

»Ich vermute, dass Tanguy seinen Komplizen aus der Ferne manipulieren kann, ohne dass irgendwelche Erinnerungen bei seinem Opfer hängen bleiben, was uns natürlich weiterhin alle zu Verdächtigen abstempelt.«

»Uns?! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tanguy dazu in der Lage ist. Wir alle sind in der Kunst der Telepathie geschult. Eine solche Manipulation muss doch Spuren hinterlassen!« Casey klopfte vor Erregung auf den Tisch.

»Das ist ja schockierend! Er könnte also jederzeit wieder solch einen Akt der Sabotage begehen und wir würden nicht einmal etwas davon bemerken? Wie konnte er so stark werden?«, brauste Maccus auf.

»Ein zweites Mal wird es ihm unmöglich sein; die Sicherheitsvorkehrungen sind verschärft worden. Wir haben unser Schutzschild gegenüber äußeren telepathischen Einflüssen aktiviert. Eine Maßnahme, die bisher immer überflüssig erschien.« Condan versuchte Zuversicht zu verbreiten.

»Ich zweifle an deinen Fähigkeiten und frage mich, ob wir seinerzeit den richtigen Mann zum Druiden gewählt haben.«

»Du vergreifst dich im Ton, Casey.«

»Oh nein. Wie Maccus es bereits sagte, die Sicherheit von Arlana steht auf dem Spiel. Das ist nicht der Augenblick, um zimperlich zu sein! Du scheinst deine Kräfte zu verlieren, Condan, und das bringt uns alle in eine gefährliche Situation. Was nützt uns ein Schiff, wenn es führerlos ist?«

»Immerhin haben wir den Fluch der Finsternis«, gab Andraste zu bedenken.

Maccus brauste auf. »Die Beschaffung des Fluches ist eine Episode für sich. Dafür haben wir nun zwei Neue im Bunde, wovon die eine das Gedächtnis verloren hat und der andere im Prinzip viel zu jung ist. Ich weiß nicht, was du dir dabei gedacht hast, Condan. Wie lange glaubst du die Amnesie vor ihren Eltern geheim halten zu können? Wir steuern geradewegs auf die nächste Katastrophe zu. Merkt das denn keiner von euch? Seid ihr alle blind?«

»Amanda wird sich wieder erinnern, ganz bestimmt sogar. Wir müssen ihr Zeit lassen und geduldig sein. Eines sollten wir nie vergessen, sie ist die Auserwählte. Und was die Sicherheit betrifft, so sind Vorkehrungen getroffen worden, damit keines der Geschwister während der Bewährungsprobe etwas über Arlana ausplaudert. Außerdem stehen sie unter ständiger Überwachung.«

»Ach, quatsch, Auserwählte. Das ist deine fixe Idee! Ich weiß gar nicht, wie du es geschafft hast, uns diesen Blödsinn glauben zu machen. Bisher hatte sie mehr Glück als Verstand, das hat nichts mit Auserwähltsein zu tun. Letztendlich hat Bréanainn den Fluch für uns gerettet.« Die gemütliche Erscheinung von Maccus passte nicht zu all seinen scharfen Worten. Seine Wangen glühten und er gestikulierte heftig mit seinen Armen, als ob er ein unsichtbares Orchester dirigieren würde.

»Ohne Amanda hätte Bréanainn den Fluch nicht gefunden.«

»Haarspalterei!«

Linette biss sich auf die Lippen, sie wollte etwas sagen, hielt jedoch inne und war sichtlich hin- und hergerissen. Schweren Herzens eröffnete sie dann ihre Ansprache.

»Maccus und Casey haben Recht. Wir dürfen nichts mehr riskieren. Der Fluch ist zwar in unserer Obhut, aber zu viele Fragen sind offen. Gefährliche Fragen. Und wenn Condan nicht mehr imstande ist, diese Fragen zu beantworten, dann müssen wir die Position mit jemandem besetzen, der das kann.« Die Worte prallten an die Wände und schlängelten sich zur Kuppel hoch. Dort blieben sie haften und mischten sich unter die Malereien. Condan hatte das Gefühl, mitten in die Motive der mythischen Jagdszenen hineingeworfen worden zu sein. Er wurde gejagt, gehetzt, getroffen, war aber nicht tödlich verletzt. Condan würde um seinen Ruf kämpfen. Sein ganzes Leben hatte er Arlana gewidmet. Niemand würde ihm das einfach wegnehmen. Nicht der Rat und schon gar nicht Tanguy!

Der Angriff von Seiten Linettes schmerzte ihn am meisten. Auch sie war einst seine Schülerin gewesen. Eisiges Schweigen herrschte im Raum.

»Mit gegenseitigen Beschuldigungen kommen wir nicht weiter. Condan ist der Druide und hat uns bisher immer treue und zuverlässige Dienste geleistet. Ob Amanda eine Auserwählte ist oder nicht, wird sich noch zeigen. Und neue Schüler sind willkommen, wenn sie sich um Arlana verdient gemacht haben. Fakt ist, dass Tanguy ein ernst zu nehmender Gegner ist und wir unser Augenmerk darauf richten sollten, ihn endlich ausfindig zu machen. Warum können unsere Techniker seine Energiespur nicht verfolgen? Wo steckt der Mann? Für eine solch große Anlage braucht man schließlich Platz. Er kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben!«, versuchte Andraste das Thema wieder auf Tanguy zu lenken.

»Und was hat er noch vor? Er wird die Zeitmaschine nicht nur für einen Ausflug nach Avignon gebaut haben«, ergänzte Cara ihre Ausführungen nüchtern.

Alle schauten sie an.

»Wenn es uns bloß gelingen könnte, telepathisch an ihn heranzukommen! Er und seine time runners sind unerreichbar für uns! Verflucht noch einmal!«

»Wir müssen abwarten.«

»Condan, bist du verrückt? Abwarten? Sollen wir seelenruhig mit ansehen, wie Arlana vernichtet wird?« Casey sprang ärgerlich auf, sodass der Stuhl krachend umfiel. Für einen Moment herrschte Schweigen.

»Arlana wird nicht vernichtet!«, versuchte Condan klarzustellen, aber niemand achtete auf seine Worte.

»Tanguy ist gerade dabei!« Casey machte keine Anstalten den Stuhl aufzustellen.

»Sollte er noch einmal die Zeitmaschine benutzen, muss es uns unbedingt gelingen, die Energiespur zurückzuverfolgen. Wir haben Amanda auch ohne call-back zurückgeholt, obwohl wir das nicht für möglich hielten. Unsere Leute suchen ununterbrochen nach ihm. Wir finden ihn! Und vergesst nicht, dass wir Tanguy zuvorgekommen sind. Das wird ihn wütend machen. Und wer seinen kühlen Kopf verliert, begeht Fehler.« Condans letzte Worte galten nicht nur Tanguy, sondern auch Casey, der auf die Anspielung jedoch nicht im Geringsten reagierte.

»Apropos Probleme: Da war doch noch eines.« Cara lächelte boshaft.

»Was meinst du?«

»Ich meine den Schnüffler. Wie hieß er doch gleich? Es war so ein wohlklingender Name, hm, ach ja, Sir Mortimer Livingstone, nicht wahr? Wann wolltest du uns denn von eurer kleinen Unterhaltung erzählen, Condan? Oder dass uns Tanguy schier einen Besuch abgestattet hätte? Und warum spielst du uns nicht das Tonband vor?«, ließ Cara die Bombe platzen.

Condan wunderte sich, woher Cara all dies wusste. Hatte einer seiner engsten Mitarbeiter geredet? Er selbst hatte den Rat heute informieren wollen, nun war sie ihm zuvorgekommen. Die anderen schreckten wie von einem Bienenschwarm aufgescheucht zusammen.

»Tanguy war hier? Wann? Wo?«, fragte Linette erregt.

»Warum haben unsere Wachen versagt?«

»Ich kann euch auch nicht mehr dazu sagen, als dass Tanguy sich auf dem Gelände herumgetrieben hat.«

»Vielleicht wollte er seinen Kontaktmann treffen?«, warf Maccus ein.

»Sei nicht töricht! Tanguy stehen andere Mittel zur Verfügung. Livingstone ist ein reicher, verschrobener Kauz, ständig auf der Suche nach Ufos, Übernatürlichem und dergleichen. Was ihn angeht, wir haben ihn erfolgreich ausgeschaltet. Seine Erinnerungen über die Nachforschungen wurden gelöscht und damit müsste das Thema erledigt sein.« Condan zwang sich, ruhig zu bleiben, obwohl er innerlich vor Wut kochte.

»Was ist das für ein Band?«, fragte Linette besorgt.

Resigniert gab Condan nach und übermittelte ihnen telepathisch den Wortlaut des Bandes.

»Sie ... kommen ... nein ... nein ... weg ... weg ... schneller ... blockiere ...Zeitmaschine ... funktioniert ... Bréanainn ... Verräter ... Verräter ...ich baue ... sie ... mein ... Rache ... Maschine ... blockiere ... block…Verräter!!«

Nach dem ersten Schrecken prasselten die Vorwürfe auf Condan ein.

»Bréanainn? Bréanainn soll der Verräter sein? Bréanainn?«, entzürnte sich Maccus.

»Da hätten wir ja unseren Spion! Kein Wunder, dass du ihn nicht preisgeben wolltest! Es ist dein eigener Bruder!« Caseys Worte drangen tief in das Herz von Condan ein und stocherten darin herum.

»Das nimmst du augenblicklich zurück!«, schleuderte ihm Condan hasserfüllt entgegen. Nun hielt auch ihn nichts mehr auf seinem Stuhl und er marschierte geradewegs auf Casey zu. Drohend baute er sich vor ihm auf. Linette zog die Luft scharf an und sah, wie die beiden Kontrahenten sich taxierten. Casey bereitete es ein diebisches Vergnügen, Condan aus der Reserve gelockt zu haben. Nie hatte er ihm verziehen, dass er damals zum Druiden ernannt worden war und nicht er. Aber seine Stunde würde noch kommen.

»Hört auf! Wir werden niemanden aus dem Stegreif heraus beschuldigen! Die Worte sind nicht eindeutig genug und wer weiß, in welchem Zusammenhang Tanguy da geredet hat. Mir scheint, dass er zu dem Zeitpunkt reichlich verwirrt gewesen ist«, warf Andraste ein.

»Wie kam Livingstone überhaupt an die Aufnahme?«

»Livingstone hat Tanguy auf seiner Flucht mit dem Wagen angefahren und zu sich nach Hause gebracht. Tanguy hat im Fieberwahn fantasiert und Livingstone hat es aufgezeichnet. Da ist er wohl auf den Geschmack gekommen, nach einer Zeitmaschine zu suchen.«

»Und beinahe hätte er sie auch gefunden. Unsere Vorfahren würden sich im Grab umdrehen, wenn sie wüssten, wie leichtfertig du mit dem Erbe von Arlana umgehst, Condan! Ein einzelner, unbedeutender Mann schafft es, uns derart nahe zu kommen. Wenn das so einfach ist, können wir gleich in die nächste Talkshow gehen und alles ausplaudern!« Nur mit allergrößter Selbstbeherrschung schaffte es Condan, Casey nicht anzugreifen. Mit bitterer Verachtung wandte er sich von ihm ab und ging zu seinem Platz.

Andraste versuchte zu beschwichtigen.

»Bréanainn kommt für mich als Verräter nicht infrage. Das wäre nicht logisch. Er hätte Tanguy den Fluch zugespielt. Und wie wir aber alle wissen, hat Tanguy ihn nicht bekommen. Erinnert euch außerdem daran, dass die time runners von Tanguy Bréanainn verletzt haben. Sie hätten ihn vielleicht sogar getötet, wenn er nicht geistesgegenwärtig reagiert hätte. Tanguy muss etwas anderes gemeint haben.«

»Bréanainn war stets gegen Amanda gewesen. Außerdem hat er ihren call-back mitgenommen«, gab Cara zu bedenken.

»Was den call-back angeht, hat er uns bereits Auskunft über sein Verhalten erteilt, wenn ihr euch erinnert. Er musste blitzschnell reagieren und sich und den Fluch in Sicherheit bringen. Er befand sich schon auf der Rückreise, bevor er Amanda den call-back zuwerfen konnte. Die Szene spielte sich in wenigen Sekunden ab.«

»Condan, es ist verständlich, dass du deinen Bruder verteidigst«, betonte Maccus spitz.

»Es hat funktioniert. Nur das alleine zählt.«

Maccus stellte die überfällige Frage. »Hast du Bréanainn auch befragt, Condan? Ich meine so richtig?«

Condan erinnerte sich daran, wie abschätzig sein Bruder ihm in die Augen geschaut hatte, als er in seine Gedankenwelt eingedrungen war.

»Völlig unmöglich, dass er es gewesen ist. Ich habe ihn in einem Augenblick der Schwäche kontrolliert. Er war es nicht! Dafür stehe ich mit meinem Leben ein!«

»Wie pathetisch!«, rief Casey aus und lachte hämisch.

»Condan, was wir jetzt brauchen, sind Informationen. Mit bloßen Spekulationen kommen wir nicht weiter. Meiner Meinung nach hat Tanguy bestimmt noch etwas in der Hinterhand. Wir müssen auf alles vorbereitet sein. Stellt euch vor, er benutzt die Zeitmaschine erneut und wir wissen weder wohin die Reise geht, noch welchem Zweck sie dient. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir ihm zuvorgekommen sind und den Fluch besitzen. Das wird er nie und nimmer auf sich sitzen lassen. Er wird etwas unternehmen!«

Andraste blieb gefasst, während sie sprach.

»Condan, du musst dich bemühen, Kontakt aufzunehmen. Wir brauchen eine Vision. Wir brauchen dich als Druiden jetzt dringender als je zuvor«, sprach Andraste fordernd und sah ihn bittend an. Condan hielt ihrem Blick mit verhärteter Mine stand.

»Bréanainn hat auch schon lange keine Vision mehr gehabt, wenn ich mich recht erinnere. Was als Vates geradezu unverzeihlich ist, findest du nicht auch? Du scheinst die falschen Leute auszubilden, Condan. Deine Schüler taugen nicht viel. Außer vielleicht Tanguy.«

Condan schluckte den Angriff von Maccus hinunter.

»Vielleicht geschieht auch ein Wunder und Condan erhält so eine glorreiche Vision wie jene, in der Amanda zur Auserwählten erkoren wurde«, lachte Maccus und Casey stimmte vergnügt mit ein.

»Oder unsere Auserwählte wird in ihrem leeren Gedächtnis fündig!«

Condan verließ bebend vor Zorn den Raum. Das Gelächter von Maccus und Casey hallte noch eine ganze Weile in ihm nach.