1

Barfuß

 

Ja, sie war barfuß, und ihre Beine scherten sich keinen Deut darum, wie sie über all die kleinen, achtlos verstreuten, spitzen Steinchen hinwegstampften, die wie ein glitzerndes Meer aus Diamanten unschuldig verführerisch schimmerten, als ob sie sagen wollten:

»Hey, wir können doch nichts dafür, dass wir dich aufritzen. Hättest ja Schuhe anziehen können.«

Nein, hätte sie nicht.

Mittlerweile mussten ihre Füße schon komplett durchlöchert sein, wobei sie nicht in der Lage war, sich ein Bild davon zu machen, denn sie war nicht fähig, ihren Beinen etwas zu befehlen, die nur eines im Sinn hatten: vorwärts. Wenigstens empfand sie auf wundersame Art und Weise keine Schmerzen. Sie spürte überhaupt nichts mehr. Der ganze untere Körperbereich schien sich komplett von ihr abgetrennt zu haben, auch wenn sie sich durch einen Blick immer wieder davon überzeugen konnte, dass dies nicht der Fall war. Wie ein Roboter hatte sie sich in Bewegung gesetzt, ohne die geringste Chance, sich der seltsamen Kraft, die sich ihrer bemächtigt hatte, zu widersetzen. Lediglich ihr Verstand arbeitete noch klar und zuverlässig. Oder etwa nicht? Schließlich hörte sie schon Stimmen von Menschen, die gar nicht da waren.

Aber von vorne: Alles begann eben mit dieser Stimme. Ein Mann sprach zu ihr. Zunächst dachte sie an den Fernseher, den sie vielleicht nicht abgestellt hatte. Aber das Bild blieb stumm und schwarz. Sie blickte sich in ihrem Zimmer um. Der Vollmond leuchtete geradewegs hinein und durchbrach die Finsternis. Sie konnte jedoch niemanden entdecken. Zaghaft räusperte sie sich und wagte ein verlegenes »Hallo?« in die Dunkelheit zu werfen, aber keiner antwortete ihr.

Die Stimme blieb konturenlos und schien sich nur in ihrem Kopf aufzuhalten.

»Ihr müsst Euch beeilen. Bitte, gehet los und nehmet den Weg!«

Fragend hatte sie sich umgeschaut. Alles sah wie immer aus. Ihr Blick fiel auf den Schreibtisch, auf dem sich ein Stapel Bücher angehäuft hatte, den man selbst im Dunkeln nicht übersehen konnte, und sie seufzte.

Das ist garantiert das schlechte Gewissen, beruhigte sie sich. Gleich morgen früh würde sie als Erstes Ordnung schaffen, versprach sie und legte sich wieder hin.

»Gehet endlich los! Bitte!«

Die Stimme war wieder da. Dringlich klagend und zugleich unmissverständlich fordernd. Und nein, sie schien wirklich nicht zu träumen. Ganz und gar nicht.

Ja, wohin, hätte Amanda fast gefragt, konnte es sich aber gerade noch verkneifen.

Sie knipste das Licht an, richtete sich auf und kontrollierte erneut alles. Es war wirklich nichts Ungewöhnliches auszumachen. Irgendwie traute sie sich aber nicht, die mollig schützende Schlafstätte zu verlassen oder gar unter dieser nachzuschauen. Die Gruselgeschichten von früher fielen ihr ein. Monster, die nur darauf lauerten, ihre Opfer in einen ewigen Höllenschlund zu ziehen, der sich merkwürdigerweise genau unter ihrem Bett befand. Obwohl sie persönlich dort unten noch nie Bekanntschaft mit einem Ungeheuer gemacht hatte. Sei es drum. Vielleicht war das Ganze aber auch nur ein übler Scherz ihres Bruders? Natürlich! Wieso kam sie nicht gleich auf diese Idee? In letzter Zeit hatte er lauter Flausen und Unsinn im Kopf. Beinahe hätte er sie tatsächlich drangekriegt.

Also, Licht löschen, Augen schließen und ruhig weiterschlafen.

Nichts anmerken lassen, und sie beschloss, sich ihren Bruder gleich morgen früh vorzuknöpfen.

»Beeilet Euch. Die Zeit ist reif! Sonst ist es zu spät!«

»Zu spät? Wofür?«, entschlüpfte es ihr.

Langsam trieb er seinen Spaß zu weit, und sie bereute, reagiert zu haben.

Wie erwartet bekam sie keine Antwort. Wie auch, garantiert lachte er sich schon schlapp über sie. Stattdessen geschah etwas Seltsames mit ihr. Gerade war sie in Gedanken bei der Schimpftirade gegen ihren Bruder, als sie plötzlich gegen ihren Willen aufstand und sich wankend in Bewegung setzte. Ihre Beine gehorchten ihr nicht mehr und marschierten hölzern los. Angestrengt versuchte sie, mithilfe ihrer Arme die Beine zum Stehen zu bringen. Resolut packte sie diese und drückte in die Gegenrichtung, ohne jegliche Wirkung. Sie wollte sich am Stuhl festhalten, aber der Griff ging daneben. Der Stuhl polterte krachend auf den Boden. Jetzt streikten also auch die Arme. Sie zählte nun ganz auf den Lärm, welchen der Stuhl beim Aufprall gemacht hatte. Das ganze Haus musste davon erwacht sein, oder? Aber anscheinend hatten ihre Mutter und ihr Bruder heute einen sehr tiefen und ruhigen Schlaf. Im Gegensatz zu ihr.

Was war hier nur los?

Hilflosigkeit und Angst überfielen sie. Ihr Blick fiel auf die rot leuchtenden Ziffern ihrer digitalen Uhr: Viertel nach zwei. Eigentlich eine Zeit, in der sie selig zu schlummern pflegte. Nun blieb nur noch eines: lauthals schreien. Spätestens dann mussten die anderen und vor allen Dingen sie selbst erwachen. Aber als sie um Hilfe rufen wollte, verweigerte auch ihre Stimme den Dienst. Kein einziger Laut kam mehr heraus, stattdessen nur ulkige Bewegungen der Lippen. Wie damals bei dem Lama im Zoo, welches auf die gleiche Art und Weise die Lippen spitzte, bevor es sie herzhaft angespuckt hatte. Ihre letzte Hoffnung ruhte nun auf dem Fenster, auf das sie geradewegs zusteuerte. Schließlich konnte sie nicht hindurchlaufen, es würde einen Zusammenstoß geben, sicherlich, aber sie würde endlich zum Stillstand kommen. Verwundert sah sie dann, wie ein Arm das Fenster öffnete, ganz gegen ihren Willen natürlich, und sie im Begriff war, aus diesem rauszuklettern. Unbeholfen plumpste sie wie ein fetter Kartoffelsack geradewegs auf das frisch bepflanzte Blumenbeet.

Autsch!

Ihr Gesicht landete auf der Erde, von welcher eine Kostprobe direkt in den Mund geriet. Jetzt spuckte sie, und wie – das Lama von damals wäre neidisch gewesen! Das alles war kein Traum mehr, sondern äußerst real! Und irgendein winziges Erdkrümelchen ließ sich nicht aus ihrem Mund verbannen. Mitgehangen, mitgefangen, klemmte es in den Schneidezähnen fest, zwischen Position zwei und drei, oder war es doch eher drei und vier? Ihr blieb keine Zeit, weiter darüber zu grübeln, sich zu ekeln, auszuruhen oder über eventuelle Verletzungen nachzudenken. Diese seltsame Kraft zog und zerrte an ihr und sorgte dafür, dass es weiterging. Die ersten Schritte hinkte sie noch leicht, aber dann lief sie wie gewohnt weiter. Die Nacht breitete sich vor ihr aus und verweigerte jegliche Stellungnahme zu den Vorkommnissen.

Das glaube ich nicht, dachte sie vollkommen durcheinander. Das glaub ich einfach nicht!

Wenn mich jetzt einer sieht, mit meinem viel zu großen, schlabbrigen Snoopy-Shirt, dann wird der mich für komplett durchgeknallt halten. Peinlicher geht es nun wirklich nicht mehr! Und dazu noch dieser dämliche Krümel zwischen den Zähnen!, fügte sie im Geiste hinzu.

Ihre Zunge wanderte immer wieder zu dem Fremdkörper, umschmeichelte ihn, scannte ihn ab, verweilte besonders lange an der spitzen Stelle und wollte gar nicht mehr von dem interessanten Gast ablassen. Wenn sie ihren Händen nur befehlen könnte, sie von diesem lästigen Brösel, Steinchen oder was auch immer zu befreien. Langweilte sich ihre Zunge derart, dass sie diese Inspektion andauernd durchführen musste?

Zum Glück schienen alle um sie herum zu schlafen, jedenfalls befand sich keine Menschenseele auf der Straße. Das war einerseits gespenstisch, andererseits beruhigend. Eine heftige Blamage wegen ihres Aussehens bleibt ihr dadurch vielleicht erspart. In einer kleinen Stadt sprachen sich gewisse Dinge schnell herum. Nicht auszudenken, wenn Stefanie jetzt sehen würde, wie sie schlafwandelte. Stefanie war der Kopf der beliebtesten und gleichzeitig unmöglichsten Mädchengruppe an der Schule. Herrje, Schlafwandeln, das war es! Es war schließlich Vollmond, wieso war sie nicht sofort darauf gekommen? Bei Vollmond machten die Menschen die unglaublichsten Dinge, sagte man. Und nun passierte es offensichtlich ihr. Glasklarer Fall: Sie war mondsüchtig! Aber was machte man dagegen? Eine Antwort blieb sie sich schuldig.

Abgesehen von einigen eifrig zirpenden Grillen blieb es ruhig und einsam. Ihre nackten Füße patschten gleichmäßig auf dem Asphalt, der noch von der Hitze des Tages leicht erwärmt war. Der pralle Mond leuchtete ihr als überdimensionale Laterne den Weg, und schon bald wusste sie nicht mehr, wo sie sich befand. Die vielen Straßen wirkten ungewohnt in der Dunkelheit. Sie waren erst vor einiger Zeit hierher gezogen, und bisher hatte sie das Terrain kaum erkundet. Zu langweilig hatte sie gefunden. Tja, von Langeweile konnte jetzt gewiss keine Rede mehr sein. Sogar ihre Zunge war beschäftigt.

Mit Bangen erkannte sie, wie ihre Schritte sie in Richtung Wald lenkten. Ihr Herz begann wild zu pochen.

Oh, oh, ein Besuch im Wald mitten in der Nacht … das war keine gute Idee. Es war sogar eine ausgesprochen miserable Idee. Was dachten sich ihre Füße nur dabei?

Der dunkle, einsame Wald lag offen vor ihr und wartete nur darauf, sie zu verschlingen. Sofort entwickelte ihre Fantasie die entsetzlichsten Kreaturen, von denen sie meinte, hinter jedem Baum bereits eine zu sehen. Hatte sich da nicht schon etwas bewegt? Das kurze Aufflackern in dem Gebüsch dort drüben … war das nicht eine grauenhafte Fratze? Amanda fröstelte.

Stop! Ich will nicht mehr weitergehen! Keinen Zentimeter mehr! Genug! Warum hilft mir denn keiner, versuchte sie zu schreien, aber blieb weiterhin stumm. In ihrem Kopf hörte sie das Rauschen des Blutes, wilden Stromschnellen gleich zuckte es durch die Adern, um mit ihrem Pulsschlag in einem verrückten Rhythmus anzubändeln. Der ganze Körper drehte komplett durch.

»Keine Angst. Gehet nur weiter. So ist es gut. Ihr müsst die Hütte erreichen. Die Hütte auf der Wiese! Der Zeitpunkt ist günstig!«

Keine Angst? Wie sollte man denn keine Angst haben, wenn man wie eine Marionette durch die Gegend geschubst wurde? Diese geheimnisvolle Stimme in ihrem Kopf machte sich eindeutig lustig über sie. Und anscheinend wurde sie beobachtet. Argwöhnisch blickte sie sich um, aber niemand war zu sehen.

Und dann passierte es. Unvermittelt. Gerade als sie die ersten Schritte in den Wald hineintapste und nach einer Bestie Ausschau hielt. Sie konnte den Lichtblitz noch mitverfolgen, dann wurde alles schwarz: Es herrschte absolute Finsternis. Bis es plötzlich schlagartig taghell wurde.

»Hilfe!«, rutschte es ihr heraus. Verwundert bemerkte sie, dass ihre Stimme wieder da war. Wenigstens etwas.

»HILFEEEE!«, rief sie lauter, bis sie erkannte, dass ihr Schrei ins Leere hallte. Weit und breit war kein Retter auszumachen. Amanda war mutterseelenallein. Wo, das wusste sie nicht. Irgendwo. Nirgendwo. Irgendwo halt. Um sie herum war irgendein Wald und sie befand sich auf irgendeinem Weg. Aber dies war sicher nicht mehr »ihr« Wald, denn er war voll von Nadelbäumen. Und es war Tag, vermutlich Nachmittag. Wie wurde mit einem Male aus tiefer Nacht helllichter Tag? Wieder so eine Frage, die sie nicht beantworten konnte. Sie zwinkerte mehrere Male, aber die Landschaft verschwand nicht.

Irgendetwas ging hier entschieden nicht mit rechten Dingen zu. So ein rascher Ortswechsel war in der Realität absolut nicht möglich. Wahrscheinlich träumte sie, und zwar reichlich krasses Zeug, das war die einzig logische Erklärung, und sie wünschte sich nur noch eines: aufzuwachen! Aber genau dies wollte ihr nicht so recht gelingen.

In ihren Armen begann es zu kribbeln und sie stellte erleichtert fest, dass sie zur Hälfte wieder funktionierte. Sofort tastete sie ihre Arme ab, zwickte hinein und schrie auf. Beim Oberkörper war alles wieder in Ordnung. Solange dies der Fall war, musste sie unbedingt etwas erledigen: Genüsslich entsorgte sie mit dem Finger das winzige Steinchen aus ihrem Mund.

»Endlich!«

Außerdem tastete sie ihr Gesicht ab: keine größeren Schäden nach der unsanften Landung. Wenigstens etwas. Ihre untere Hälfte hatte aber immer noch diesen ungebremsten Vorwärtsdrang. Deshalb versuchte sie erneut, die Beine zu stoppen, doch ihre Arme hatten einfach keine Chance gegen den eigenartigen Willen ihres Unterkörpers. Als sie beinahe das Gleichgewicht verlor, beschloss sie, aufzugeben und brav weiterzulaufen. Schritt für Schritt, Steinchen für Steinchen. Was blieb ihr auch anderes übrig?

Um sich blickend nahm sie ein Stück weiter vorne eine Wiese wahr. Handelte es sich dabei um die Wiese, auf der sich nach den Worten der Stimme die Hütte befand? Würden aus dieser die Monster rausstürmen und sich auf sie stürzen? Erwachte sie dann gnädigerweise, bevor man sie zerstückelte? Vielleicht …

Der Wald öffnete sich, nur noch wenige Meter, und die halbe Amanda würde endlich auf die besagte Wiese gelangen. Sie war zum Greifen nah, aber Amanda konnte nicht darüber verfügen, schneller oder langsamer zu gehen. Ihr gleichmäßiger, monotoner Laufrhythmus machte sie nervös. Tausende Gedanken flatterten ihr durch den Kopf, um noch eine Erklärung für dieses rätselhafte Verhalten zu finden. Aber keine davon schien ihr einleuchtend. Zu der Traum- und Schlafwandeltheorie gesellten sich jede Menge abstruse Ideen, wie die Invasion von Außerirdischen, welche sie gerade entführten, damit sie als Versuchskaninchen auf dem Seziertisch landete (lehnte sie aber dann doch als zu abwegig ab), vergiftete Pilze (hatte sie aber zu einhundert Prozent definitiv nicht gegessen, weder giftige noch ungiftige) oder eine neue synthetische Droge, die durch das Trinkwasser geleitet wurde und alle Menschen in Zombies verwandelte. Nur leider sah Amanda niemanden sonst herumirren. Irgendetwas anderes musste die Ursache für diese eigenartige Nacht sein. Oder irgendwer? Sie wurde langsam konfus. Traum oder Wirklichkeit? Es fühlte sich alles echt an, vor allem die Erde im Mund, beim Sturz aus dem Fenster, aber das konnte es nicht sein! Das Steinchen im Mund war vermutlich ein Überbleibsel vom Abendessen. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter den Salat nicht gründlich genug gewaschen. Und anschließend hatte sie die Zähne nicht ausreichend gereinigt. Immerhin eine plausible Erklärung. Bisher die erste.

Auf dem Gras würden ihre Füße wenigstens eine Atempause erhalten. Irgendwann würde sie diese wieder spüren, davon war sie fest überzeugt, und dann könnte sie sämtliche Schuhe für die nächste Zeit abschreiben. Mindestens eine ganze Flasche Desinfektionsmittel würde sie brauchen, dann dicke Bandagen, am besten gleich einige Meter davon. Mit ihren geschundenen Fußsohlen hätte sie den endgültigen Beweis, dass sie gleichzeitig geträumt und geschlafwandelt hatte. Erklärung, die zweite.

Die merkwürdige Macht trieb sie penetrant weiter. Da sie nichts anderes tun konnte, betrachtete sie etwas eingehender ihre Umgebung, welche inzwischen in ein seltsames, grünlich-blaues Licht getaucht war. Alles schien in diesem blauen Moment zu ruhen, wie kurz vor einem Gewitter. Würde es anfangen zu regnen? Das hätte ihr gerade noch gefehlt.

Mächtige, hohe Tannenwälder in satten, dunklen Farben rahmten die Umgebung weitläufig ein und in der Ferne konnte man die Gipfel von einigen größeren Bergen erahnen. Eigentlich ganz hübsch, wenn man nicht gerade als unfreiwilliger Hampelmann durch die Gegend gescheucht würde. Zu ihrer rechten und linken Seite befanden sich kleine Sträucher und Büsche, aber sie war immer noch auf diesem äußerst steinigen Weg, der sie geradewegs zur angekündigten Wiese führte, so als ob er extra dafür angelegt worden wäre.

Als sie endlich einen Fuß auf das weiche Gras setzte, seufzte sie erleichtert auf. Irgendwo hier in der Nähe musste sich nun die besagte Hütte befinden, und dann würde sie hoffentlich aufwachen. Sie versuchte vorauszuschauen, sah aber nur das hohe Gras mit seinen vielen bunten Blumen, welche mit dem einsetzenden Wind sanft hin und her wogen. Aufkommender Wind, vielleicht regnete es wirklich bald?

Die Insekten sprangen zur Seite, als sie dahertrampelte, und überall ziepte und raschelte es. Mit den nackten Füßen war ihr die Wiese noch weniger geheuer als der steinerne Weg. Sie ekelte sich vor den dicken, grell schimmernden Käfern und den unzähligen herumwimmelnden Ameisen. Die Gräser streichelten ihre Beine, aber sie spürte nichts.

Und dann auf einmal stand sie vor ihr, vor jener mysteriösen Hütte, mitten im Nirgendwo. Obwohl das Wort »Hütte« ein Kompliment für diese Bretterbude war. Sie hätte sie garantiert übersehen, wenn sie nicht geradewegs darauf zugelaufen wäre. Aus der Entfernung war sie mit ihrer Umgebung perfekt zu einem Bild verschmolzen. Das Gras wuchs hier so üppig, dass es die Hütte überwucherte. Das Holz war an vielen Stellen morsch und hing lose herunter. Dunkel und verlassen stand sie da und wirkte nicht gerade einladend. Misstrauisch beäugte sie den Platz, unsicher, was sie hier erwarten würde.

Die Tür hing aus der Angel und musste vorsichtig zur Seite geschoben werden. Innen roch es miefig, Spinnweben hingen herab, und an einigen wenigen Stellen quetschten sich schmale Lichtstreifen durch die Lücken in der Wand und bahnten sich mühsam ihren Weg in der von Staub durchtränkten Luft. Nur ein kleines Fenster, eher ein Loch und bereits überwuchert, war an der Seite angebracht. Die Hütte bestand aus einem einzigen großen Raum. Ein kaputter Stuhl, ein Tisch, einige alte Kochutensilien und ein heruntergekommenes Bett waren zu sehen. Alles war mit dicken Schichten von Staub und Schmutz bedeckt. Ein verlockender Gedanke kam ihr: Zu gerne würde sie jetzt mit ihren Fingern etwas in den Staub kritzeln. Ungefähr so etwas wie »Tausche miesen Traum gegen Putzlappen« oder »Absteige deluxe«. Sie kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Hier war schon lange niemand mehr gewesen. Sie blieb stehen und spürte die Kälte des Bodens. Tatsächlich, sie spürte wieder etwas, gelinde gesagt alles.

»Aua!!«, war das Erste, was sie dazu sagen konnte. Mit der Kälte kamen der Schmerz und eine unschöne Erkenntnis von brennenden und blutenden Füßen auf dreckig starrendem Boden. Vorsichtig hob sie ein Bein hoch und betrachtete kritisch ihre Fußsohlen: Sie waren, wie schon vermutet, schmutzig und blutend.

»Ich werde zwei Flaschen brauchen, um sie zu desinfizieren, aber was soll’s? Ich bin wieder da und werde jetzt aufwachen!!«, jubelte sie und wartete auf den Moment, in dem sie gleich ihr Zimmer wieder betrachten könnte mit dem Wissen, dass alles nur ein sehr schlechter und ziemlich gemeiner Albtraum gewesen war. Auch wenn ihr der Schmerz in den Füßen ungewöhnlich real erschien. Aber sie erwachte nicht. Immer wieder schlug sie die Augen auf und zu, zwickte sich mal mehr und mal weniger stark in den Arm, aber jedes Mal erschien das gleiche Bild: die jämmerliche Umgebung der Hütte und sie mittendrin.

Ich werde wohl langsam verrückt, schoss es ihr durch den Kopf, und sie fragte sich, ob vielleicht irgendwelche Geisteskrankheiten in ihrer Familie bekannt waren. Noch nie zuvor hatte sie solch einen merkwürdigen Traum durchlebt. Das kam ihr sehr verdächtig vor. Vielleicht stimmte tatsächlich etwas nicht mit ihr?

»Keineswegs. Ihr erfreuet Euch bester Gesundheit!«

Die Stimme! Und sie klang ziemlich echt und nah. Aber überraschender war für Amanda, dass die Stimme auf ihre Frage antwortete. Hatte sie etwa laut gesprochen?

Abrupt drehte sie sich um. Unbemerkt war jemand aus dem Hintergrund getreten und ging auf sie zu. Sie wunderte sich, wie sie den Mann hatte übersehen können. Er war groß und schlank, der lange schwarze Mantel verbarg die übrige Kleidung. Seine Haare waren säuberlich zu einem kurzen Zopf nach hinten gebunden und von einem strahlenden Weiß. Das Gesicht war sonnengegerbt und wies einige Falten auf, aber seine Augen strahlten sie herzlich an. Es war schwierig, ihre Farbe in diesem schummrigen Licht zu erkennen. Sein Alter konnte sie nur schlecht schätzen. Vielleicht vierzig? Vielleicht aber auch fünfzig? Das Alter eines Erwachsenen zu schätzen war für einen Teenager unmöglich und gehörte in die gleiche Kategorie wie die Frage »Was ziehe ich mir heute an?« – auf beides gab es fast nie die richtige Antwort.

»Ich muss Euch um Entschuldigung bitten für die Umstände, die Ihr auf dem Weg hierher hattet.«

»Umstände?« Hatte er sie etwa zu einem willenlosen Zombie gemacht? Das war doch vollkommen unmöglich! Wer war der Typ überhaupt?

Ihr gefiel nicht, wie er immer näherkam und sie aufmerksam musterte. Sie ging vorsichtig einen Schritt zurück.

»Nur keine Angst. Ihr kann nichts geschehen.« Seine Stimme klang weich und angenehm. Ihr? Er siezte sie auf diese seltsame Art und Weise. Altertümlich. Seine Ausdrucksweise war so verstaubt wie die ganze Umgebung.

Ich muss hier weg!

Jede Faser ihres Körpers riet ihr zur Flucht. Zu einer sehr, sehr schnellen Flucht. Was hatte ihr ihre Mutter immer wieder gepredigt? Sprich nicht mit Fremden! Wie recht sie doch hatte.

Rückzug! Rückzug!! Vor allen Dingen, solange ihr Körper ihr noch gehorchte.

»Das Wichtigste ist, dass Ihr jetzt hier seid. Endlich. So lange haben wir warten müssen.«

»Oh, ich denke, ich bin hier ziemlich fehl am Platz. Ich werde jetzt gehen. Nichts für ungut.«

Dass sie immer noch mit ihm sprach, anstatt bereits zu laufen, wunderte sie.

»Nein, nein. Irrtum ausgeschlossen! Ihr seid die Auserwählte!« Zögernd blieb sie stehen.

»A Diéu coman Bel Esgar!«

Mit einem schweren Akzent sprach er die Worte aus.

»A Diéu coman Bel Esgar!«, wiederholte er seine Worte. Diesmal eindringlicher und entschlossener.

Neugierig geworden drehte sie sich schließlich um und betrachtete ihn abwartend. Seine Augen wirkten traurig, und für einen Moment hatte sie sogar etwas Mitleid mit ihm.

Was hatte er doch gleich gesagt? Auserwählte?? Für was? Für den größten Depp der Nation? Und dann noch etwas? Dieu und Beles… was auch immer. Irgendwie klang es Französisch, aber sie war sich nicht sicher. Kein Schulfach, in dem sie unbedingt glänzte.

»Was soll das bedeuten?«

»Das werdet Ihr noch frühzeitig erfahren. Erst einmal bin ich froh, dass die Zusammenkunft vollbracht wurde.«

Zusammenkunft? Das war eine Zusammenkunft? Das hätte sie sich aber vornehmer gewünscht, wenn sie wirklich eine Auserwählte gewesen wäre. Ihr Traum fiel durch merklich schlechte Qualität auf. Amanda musste grinsen. Auserwählte kürte man gewiss in einem prächtigeren Umfeld und angenehmeren Rahmen.

Sie bemerkte mit einem Mal ein leichtes spöttisches Zucken um seine Lippen. Langsam dämmerte es ihr:

Der lacht mich aus! Veralbert mich in einer Tour! Erst dieses ganze komische Gefasel und dann noch mein dämliches Shirt. Der macht sich komplett lustig über mich!Die Röte schoss Amanda ins Gesicht und sie wünschte sich, auf der Stelle unsichtbar zu werden. Warum gab es eigentlich keinen Notausgang für schlechte Träume??

Plötzlich begann sich alles wild um sie herum zu drehen. Wie aus dem Nichts tauchte ein gewaltiger Wirbelsturm auf und verschlang sie laut und gierig schmatzend. Oben, unten, links, rechts, Amanda konnte nicht sagen, wo sie sich befand. Denn die jämmerliche Hütte mitsamt dem Mann hatte sich vor ihren Augen aufgelöst und war einfach verschwunden. Übrig blieb nur eine eigenartig bläulich-silbrige Masse, welche sie eisern umhüllte, und sie fühlte eine Angst wie nie zuvor in ihrem Leben. Dazu kam dieser eigenartige Lärm, nein, es klang eher wie das Heulen von … ja von wem eigentlich? War das noch menschlicher Natur? Oder von einem Tier? Aber sie bekam keine Zeit, darüber nachzudenken. Die gewaltige Energie zerrte an ihrem Körper, sodass jegliches Gefühl, jeder Gedanke aus ihr herausgesaugt wurde. Aber eines begriff sie doch vollkommen klar in ihrer Angst: Ihr Körper löste sich beharrlich und unweigerlich auf. Irgendwie empfand sie es erleichternd, dass sich das blöde Snoopy-Shirt endlich verabschiedete, aber als es auch sie erwischte, wurde ihr schlecht. Sehr schlecht. Amanda versuchte ihre Hände, Arme und Beine auszumachen, aber da war einfach nichts mehr da. Absolut nichts. Sie musste heftig würgen und hörte kurz daraufhin einen Rülpser.

War sie das gewesen?

Sie war nun hüllenlos, schwerelos. Ihre Seele baumelte nackt im Nichts. Und dann wurde es finster. Und still. Totenstill.

 

2

Nichts als Ärger

 

»Amanda! Amanda!«

Undeutlich drangen die Worte zu ihr durch.

»Steh endlich auf!« Ihre Mutter kannte keine Gnade und riss die Tür auf. Das Geklapper des Frühstücksgeschirrs verbrüderte sich mit dem allmorgendlichen Geplapper aus dem Radio.

Mühsam öffnete sie ein Auge und blinzelte in den Tag hinein. Die frühe Morgensonne strahlte freudig geradewegs in ihr Zimmer, und sie bedauerte aufs Neue, diese Wahl getroffen zu haben. Ians Zimmer lag nach hinten heraus und war im Sommer schön kühl, während ihres bereits am Morgen geröstet wurde.

»Ich komme schon«, brummte sie durch die offene Tür. Nun würde die Schlacht mit ihrem Bruder um das Bad beginnen, und sie hatte keinerlei Lust, sich darauf einzulassen. Ihr ganzer Körper fühlte sich schlapp und müde an. Dunkel erinnerte sie sich an den merkwürdigen Traum, den sie gehabt hatte.

»Was für ein Schwachsinn … Zusammenkunft … lächerlich«, murmelte sie und kroch bedächtig aus dem Bett.

»Aua!«

Ein jäher Schmerz durchflutete sie. Vorsichtig setzte sie sich wieder hin und besah sich ihre Füße. Sie waren schmutzig und von kleinen Schürfwunden übersät.

Aufgeregt schlug sie die Bettdecke zurück: eingetrocknete kleine Blutflecken und überall Spuren von Dreck.

»Das gibt’s doch nicht!«

Starr blickte sie immer wieder auf ihre Füße, als ob sie von diesen eine Antwort erwarten könnte.

»Unmöglich! Vollkommen unmöglich! Das kann nicht wahr sein!«, rief sie entsetzt aus.

Ihre Gedanken rasten und sie versuchte, sich so gut es ging an die gestrige Nacht zu erinnern. Schlagartig wurde sie hellwach und ging ihren Traum noch einmal durch.

»Mist, ich bin eine Schlafwandlerin! Ich laufe tatsächlich nachts in der Gegend herum, als ob ich nichts Besseres zu tun hätte. Ich muss mich einschließen in der Nacht. Alles verriegeln. Himmel! Desinfektionsmittel! Ich brauch soooofort Desinfektionsmittel!! Ich … ich …«

Ein durchdringender Schrei stoppte ihre Ausführungen.

»Wer von euch beiden war das!?«

Die Stimme ihrer Mutter klang gar nicht nett, und sie erkannte auch sofort warum. Sie stand vor ihrem Fenster, mit der Gießkanne in der Hand und einem wütenden Blick.

Ach ja, das Blumenbeet, erinnerte sich Amanda.

»Sieht aus, als ob da jemand mächtig drauf rumgetrampelt wäre«, fügte ihr Bruder hinzu.

Amanda fiel ihr dreckiges Shirt wieder ein. Das musste sie nachher unbedingt, und wirklich ein für alle Mal loswerden, aber für eine Vernichtung der Beweismittel war es ohnehin eindeutig zu spät.

Der hochnäsigen Stimme ihres Bruders folgte ein nicht minder hämischer Blick durch das offene Fenster. Ian war zwei Jahre jünger als sie, gerade mal elf Jahre alt. Ein Teen, wie er sich jetzt schon zu nennen pflegte. Wo immer er konnte, mischte er sich ein, sorgte für Unruhe und ärgerte sie am laufenden Band. Mit seinen braunen Augen und seinem dunkelblonden, lockigen Haarschopf wirkte Ian zwar wie ein Engel, aber er hatte es faustdick hinter den Ohren.

Darüber hinaus war er für einen Elfjährigen ungewöhnlich belesen und platzierte überall seine altklugen Weisheiten. Amanda störte seine Anwesenheit mehr als der Zorn ihrer Mutter.

»Komm mal her, junge Dame!«

»Zurück an den Tatort.«

»Ian, bist du schon mit dem Frühstück fertig?«

»Aber sicher.«

»Dann mach dich für die Schule parat.«

»Ist schon alles klar«, erklärte er munter und wippte mit seinen Füßen auf und nieder. Eine Standpauke hatte etwas herrlich Erfrischendes, vor allem dann, wenn man nur der Zuschauer war.

Er ließ sich einfach nicht verscheuchen. Schließlich gab sie es auf, mit ihm zu diskutieren.

»Amanda, nun komm endlich.«

Langsam setzte sie sich in Bewegung, bemüht, nicht bei jedem Schritt aufzuschreien, und hoffte, dass ihr Gesicht möglichst unschuldig dreinblickte.

»Amanda, ein wenig mehr Tempo bitte. Dir kann man ja im Laufen die Schuhe besohlen. Ich habe schließlich nicht den ganzen Morgen Zeit.«

Nur drei Schritte. Der Weg zum Fenster war noch nie so weit gewesen.

»Ja?«, fragte sie zaghaft und hielt sich am Fensterrahmen fest. Amanda unterdrückte ihre Schmerzen mit einem verzerrten Lächeln.

»Was sagst du dazu?« Ihre Mutter zeigte mit der Hand auf das zertrampelte Beet. Die Blumen waren geknickt und in einem desolaten Zustand. Amanda konnte es ihnen nachfühlen, sie war nicht weit entfernt von deren Verfassung.

»Ich … ich …«

»Ja, und weiter?«

»Ich … bin aus dem Fenster gefallen.«

Amanda entschied sich für die Wahrheit. Jedenfalls für einen kleinen Teil davon. Das würde auch den ganzen Dreck überall erklären.

»Aus dem Fenster gefallen?« Ihre Mutter sah sie entgeistert an.

»Ich habe geträumt und dabei ist es passiert.«

»Man fällt nicht mitten in der Nacht einfach aus dem Fenster.«

»Vielleicht ist sie ja eine Schlafwandlerin?«, mengte Ian seinen Beitrag hinzu.

Amanda staunte über Ians Schnelligkeit, dem Geschehen einen Namen zu geben. Sie hatte länger gebraucht, um dahinterzu­kommen, was nicht mit ihr stimmte. Nach einem kräftigen Räuspern fuhr sie mit ihrer Geschichte fort.

»Ähm, ja … in meinem Traum bin ich gelaufen. Zu Dad. Er winkte mir von seinem Boot aus zu. Ich bin einfach auf ihn zugelaufen, weil er mich gerufen hat.« Sie nahm ihre Hand vors Gesicht und versuchte bedrückt und niedergeschlagen auszusehen. Dafür musste sie nicht einmal große Schauspielkunst aufbieten. »Ist schon gut.« Der Tonfall ihrer Mutter milderte sich. Sie war mit ihrer Geschichte also auf dem richtigen Weg.

»Ich weiß, dass ihr es nicht einfach habt.«

Mit dem »nicht einfach haben« sprach sie auf die Scheidung vom letzten Winter an und auf die darauf folgenden Streitereien, bis sie sich schließlich geeinigt hatten. Auf den Umzug vor wenigen Wochen, von London in ein idyllisches, aber schrecklich langweiliges Dorf auf dem Land: Chippenham. Okay, vielleicht konnte man bei einem schnell wachsenden Städtchen mit gut fünfunddreißigtausend Einwohnern (und jetzt waren es drei mehr) nicht gerade von einem Dorf sprechen, aber für Amanda fühlte es sich jedenfalls so an. Einhundertdreiundsechzig viel zu lange, ewige Kilometer von London entfernt. Unerträglich viel zu viele Minuten mit dem Zug. Viel zu weit, wenn man bedachte, dass sie diese Fahrt nicht alleine machen durfte und ihre Mutter selten Lust hatte, sich in das Gewühl und den Smog der Großstadt zu stürzen. Amanda seufzte auf. Sie konnte sich nicht einmal den Namen ihres Stadtteils merken. Für sie war das alles Einerlei.

Bereits am ersten Schultag hatte sie sich blamiert, weil sie überhaupt nichts über ihre neue Heimat zu sagen wusste. Immerhin handelte es sich bei Chippenham um eine der ältesten Städte Englands. Der Name leitete sich wohl von Cyppa’s hamme ab, einer umzäunten Wiese des am Fluss gelegenen Ortes Cyppa. Genauso wenig wusste sie von der Heirat von König Alfreds Schwester Ethelswitha mit dem König von Mercia 853 nach Christus in Chippenham zu berichten. Sie wusste eigentlich gar nichts. Außer, dass das Städtchen langweilig wirkte, auf eine verträumt romantische Art, aber eben langweilig. Oder nein, das war so nicht ganz richtig. Etwas wusste sie zu sagen, aber das versuchte sie stets zu verdrängen: Chippenham veranstaltete alljährlich das Eddie Cochran Festival. Am 17. April 1960 starb der Sänger bei einem Autounfall in der Ortschaft. Ihre Mutter war eine etwas flippige Malerin mit einer Vorliebe für die Musik aus jener Zeit. Alles jenseits der Siebziger Jahre wurde von ihr musikalisch geflissentlich ignoriert. Da Amandas Vater Dirigent war und sich der klassischen Musik verschrieben hatte, herrschte im Hause Tremayne ein recht eigenwilliger Musikgeschmack vor. Amanda wurde zwischen den unterschiedlichen Epochen hin und her geschleudert und war dankbar, in ihrem Zimmer mithilfe des Fernsehers den Anschluss an die moderne Popkultur nicht zu versäumen. Der Trubel der City fehlte ihr; der Sommer war immer die beste Zeit in der Stadt. Und sie wünschte sich zurück in ihre alte Wohnung, als diese ihr noch ein zu Hause war, sehnte sich nach Mutter und Vater zugleich und wusste, dass diese Konstellation der Vergangenheit angehörte. Ein »zusammen« gab es nicht mehr, dafür aber alle zwei Wochen das Besuchsrecht fürs Wochenende. Sie fieberte dieser Zeit immer entgegen, wenn ihr Vater vor der Tür stand und sie gemeinsam etwas unternahmen. Sogar Ian konnte dann relativ vernünftig sein und sich anständig aufführen.

Irgendwie verstand sie ihre Eltern nicht. Die Trennung kam ihr vorschnell und falsch vor, aber sie waren dazu auch nicht befragt worden. Ja, es gab Streitereien, aber irgendwie hatte sie immer gedacht, die Ehe ihrer Eltern wäre nicht gefährdet. Sie wunderte sich nur, wie Ian mit all dem klarkam. Erstaunlich gefasst nahm er alles hin und ließ sich niemals etwas anmerken.

»Ich … es tut mir leid. Ich werde versuchen, die Blumen wieder in Ordnung zu bringen.«

»Lass gut sein. Ihr habt viel durchgemacht in den letzten Monaten. Ich werde einfach ein neues Beet anlegen.« Betroffen wandte sie sich ab und kehrte ins Haus zurück.

»Nicht schlecht. Gute Taktik. Muss ich mir merken. Aber was hast du wirklich hier draußen gesucht?«, meldete sich ihr Bruder und guckte sie mit großen Augen an.

»Ach!«

Unwirsch drehte sich Amanda um und versuchte, so würdevoll wie nur möglich ins Bad zu gelangen. Eine kühle Dusche, reichlich Pflaster und endlich die besagte Flasche Desinfektionsmittel, und ihren Füßen würde es schon bald wieder besser gehen. Es grenzte an puren Wahnsinn, sie in diesem Zustand in die Schuhe zu quetschen. Für das Frühstück reichte es natürlich nicht mehr, nachdem sie fast die ganze Zeit im Bad verbracht hatte, und sie musste mit knurrendem Magen zum Bus humpeln. Eilig hatte sie sich noch einen Apfel eingesteckt, aber der würde ihren Hunger auch nicht stillen. Die Nacht war anstrengend gewesen, und sie fragte sich, wie ihr Bruder, was sie eigentlich gemacht hatte. Wie viel davon hatte sie geträumt, und was war Wirklichkeit gewesen? Eigentlich war die Fahrt zur Schule recht kurz, aber ihre Mutter bestand auf den Schulbus. Im Bus tobte der übliche Lärm, Witze wurden gemacht, Hausaufgaben vollendet oder komplett abgeschrieben, doch Amanda schenkte dem Trubel um sie herum keine Aufmerksamkeit und hing einfach nur ihren Gedanken nach. Heute war sie für den Bus dankbar. Jeder Schritt weniger war eine Erleichterung. Verträumt sah sie aus dem Fenster und versuchte weiterhin eine Erklärung für die gestrige Nacht zu finden. Warum hat sie mit einem Mal zu einer Schlafwandlerin mutiert? Herzhaft gähnte sie.

»Nanu, wer ist denn da so müde?«

Amanda wagte es nicht, sich umzudrehen. Diese Stimme konnte sie zweifelsfrei jemandem zuordnen: Stefanie. Im Schlepptau hatte sie wie immer ihre zwei besten Freundinnen, Jennifer und Heather. Die drei klebten wie Pech und Schwefel zusammen. Sie waren hübsch, nicht gerade intelligent, aber klug genug, um sich andauernd irgendwelche Gemeinheiten auszudenken.

»Wer geht auch mitten in der Nacht mit einem Snoopy-Shirt zu einem Rendezvous? Wen wolltest du treffen, Amanda, Charlie Brown?« Die Mädchen kicherten los und die restlichen Fahrgäste schlossen sich dem Gelächter solidarisch an. Alle Köpfe drehten sich zu ihr um. Sogar Ian warf ihr einen fragenden Blick zu.

Amanda schwieg. Zu sehr war sie überrascht, gesehen worden zu sein.

»Ich kann euch sagen, entzückend! Ein Shirt, so unförmig und pink wie aus dem letzten Treffen der Weight Watchers, barfuß, offene Haare … wen wolltest du beeindrucken mit deiner gespen­stischen Aufmachung? Scooby Doo? Gestern war übrigens nicht Halloween!«, fügte sie noch spitz hinzu.

Wieder lachten alle, sie waren für diese Abwechslung am Morgen dankbar. Nur Ian blieb stumm. Sehr stumm sogar.

Woher wusste Stefanie das alles? Amanda war sich sicher gewesen, niemanden gesehen zu haben. Auch kein Licht in den Häusern. Sie drehte sich zu ihnen um.

»Hui buh!« Stefanie stand jetzt im Gang und ahmte die Gebärden eines Geistes nach, jedenfalls was sie darunter verstand. Selbst als sie ihr Gesicht verzerrte, wirkte sie noch hübsch. Ihr schwarzes, schulterlanges Haar glänzte, ihre Haut war von einer vornehmen Blässe und ihre Augen funkelten angriffslustig. Sie war zwar etwas kleiner als Amanda und auch als die anderen Mädchen, drahtig und schlank, aber sie machte den Größenunterschied mit ihrer unerschöpflichen Portion an Frechheit wieder wett. Amanda setzte erneut ihr unschuldigstes Gesicht auf, dessen sie in der Lage war, und beschloss zum zweiten Mal an diesem Vormittag, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen.

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Ich laufe sicherlich nicht nachts in der Gegend herum. Aber du scheinst dich ziemlich gut mit nächtlichen Gestalten auszukennen. Warst du etwa unterwegs zu einem Treffen mit den Hexen von Eastwick?« Sie hatte keine Ahnung, ob Stefanie diesen alten Film überhaupt kannte, aber etwas anderes war Amanda auf die Schnelle nicht in den Sinn gekommen.

Stefanie lief rot an und Amanda fragte sich, wie viel Röte ihr Gesicht vertragen konnte, bevor es explodierte.

Ehe Stefanie etwas erwidern konnte, hielt der Bus abrupt an. Sie taumelte durch den schmalen Gang, verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Wieder war Gelächter im Bus zu hören, allerdings nur von kurzer Dauer, da Stefanie mit viel Würde und Schnelligkeit wieder auf den Beinen stand und einen bösen Blick in die Runde warf, sodass alle sofort wieder verstummten. Nach einigen Sekunden der Stille erlöste sie das Öffnen der Tür und das Hinausstürmen der anderen. Stefanie erntete einen Rüffel vom Busfahrer, ließ diesen aber erhobenen Hauptes an sich abprallen.

»Wir sprechen uns noch!«, zischte sie stattdessen Amanda verbittert an.

Amanda schluckte. Was war das bloß für ein Tag? Erst diese merkwürdige Nacht, dann der Vorfall mit ihrer Mutter und schließlich der ultimative Zusammenstoß mit Stefanie. Wenn das in diesem Tempo weiterlief, würde sie sich bis zum Ende des Tages mit der ganzen Welt im Kriegszustand befinden.

Sie bemühte sich, nicht weiter mit ihrem Gang aufzufallen. Sonst könnten die anderen nämlich erkennen, dass sie tatsächlich barfuß durch die Nacht gewandert war. Irgendwann wurden die Schmer­zen auch schwächer, wahrscheinlich starben ihre Füße gerade ab, aber sie war dankbar dafür. Und glücklicherweise hatte sie heute auch keinen Sportunterricht. Den hätte sie wahrlich nicht überlebt, da Mrs Rogers, ihre Sportlehrerin, keine Ausreden und Ausnahmen duldete, dies schloss abgestorbene Füße mit ein.

Die folgenden Stunden verliefen zäh. Stefanie ignorierte sie für den Rest des Morgens, was Amanda als schlechtes Zeichen deutete. Bestimmt heckte sie irgendetwas aus. Mit halbem Ohr wohnte sie den einzelnen Fächern bei und bemühte sich, nicht weiter aufzufallen. Sie war einfach nur müde, unterdrückte hier und da ein Gähnen und lenkte sich durch das Bemalen ihres Heftes ab, indem sie ein recht eigenwilliges Muster zeichnete. Die Grafik bestand aus einem kleinen Kreis, der mit einigen verschnörkelten Linien im Arabesque-Design gefüllt war. An das untere Ende des Kreises befestigte sie einen großen schwarzen Tropfen als Anhänger. Schließlich fügte sie ihrem Kunstwerk noch eine Kette hinzu. Ihre Hand zeichnete fast wie von selbst und flog über das Papier.

Vielleicht werde ich ja Schmuckdesignerin, dachte sie flüchtig und begutachtete ihre Arbeit. Hm, Schmuckdesign wäre tatsächlich etwas, nachdem sie bereits Tierärztin, Polarforscherin, Astronautin und Tiefseebiologin endgültig für sich ausschließen konnte. Sie war zufrieden, und noch besser war, dass die Mittagspause kurz bevorstand. Die Hälfte des Tages hatte sie schon mal ohne weitere Zwischenfälle hinter sich gebracht. Sie seufzte erleichtert auf.

Mittags aßen sie in der schuleigenen Mensa. Ian war nicht zu entdecken und Amanda setzte sich an ein kleines, unbesetztes Tischchen. Nur nicht mehr auffallen heute. Unsichtbar sein. Sie war ziemlich hungrig und stopfte sich den Hackbraten gierig in den Mund. Schlafwandeln machte eindeutig Appetit. Während­dessen dachte sie nach: Wenn sich die Ereignisse der letzten Nacht tatsächlich zugetragen haben … ich muss der Sache auf den Grund gehen. Am besten beginne ich mit der Suche im Wald. Dort hat ja alles begonnen. Nach der Schule werde ich meine Erkundigungs­tour starten!

»Na, wenn das nicht unsere Amanda ist?«

Jennifer! Amandas Herz machte einen Satz nach unten und schien nicht mehr in der Laune zu sein, wieder nach oben hüpfen zu wollen. Es versteckte sich feige. Das hätte Amanda auch am liebsten gemacht.

Jennifers blaue Augen funkelten sie an. Sie spielte mit einer Locke ihres brünetten, wilden Haarkleides. Jennifer war etwas größer als Stefanie. Heather war die größte von den Dreien, doch die beiden Mädchen wirkten neben Stefanie irgendwie immer klein. Amanda wunderte sich stets darüber, dass diese den Ton angeben konnte und die beiden anderen brav mitmachten. Heather war die Ruhige in der Gruppe. Ihre haselnussfarbenen Augen waren auf Amanda gerichtet. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Bei Heather saß die Frisur immer perfekt. Nie wirkten ihre kurzen Haare fad oder fettig. Wie machte sie das nur?

Amanda schluckte den Bissen hinunter und sah zu ihnen hoch. Alle drei bemühten sich, ein Sonntagsgesicht aufzusetzen und grinsten freundlich. Um sie herum herrschte viel Betrieb. Die Schüler kamen und gingen mit ihren Tabletts an ihnen vorbei. Lachend, lärmend, leise, lustlos, die Bandbreite ihres Verhaltens war umfassend. Niemand nahm große Notiz von ihnen.

»Hoppla! Wie ungeschickt!« Stefanies Orangensaft fiel unter Anleitung ihrer Hand vom Tablett und verteilte sich großzügig auf Amandas Kleidung.

»Nein, das tut mir aber leid.« Stefanies Entschuldigung klang gekünstelt und ihr Lächeln war außerordentlich perfide aufgesetzt.

Amanda hatte sich so sehr darauf konzentriert, gelassen zu bleiben, dass sie die Attacke nicht hatte kommen sehen. Nun triefte alles auf ihre Kleidung und verursachte hässliche, orange Flecken. Einige Spritzer waren auch in ihrem Gesicht gelandet. Die unmittelbaren Tischnachbarn hatten die Szene mitverfolgt und amüsierten sich über Amanda. Das Gelächter wurde größer und schwoll herzhaft an. Zum zweiten Mal an diesem Tag stand Amanda im Mittelpunkt. Sie konnte beobachten, wie das fröhliche Treiben schlagartig verstummte und sich alle Augen auf sie richteten. Bedächtig zog sie ihre Serviette hervor und tupfte sich das Gesicht ab. Das klappte ja ganz prima mit dem »nicht auffallen und unsichtbar sein«.

»Das hast du mit Absicht gemacht!«

»Aber wie kommst du bloß darauf! Das ist ziemlich fies von dir, mir so etwas zu unterstellen. Ich bin heute leider etwas ungeschickt. Tut mir aufrichtig leid.« Sie machte einen unschuldigen Wimpernschlag.

Amanda schaute auf ihr eigenes Tablett. Das Dessert stand noch da: Pudding. Es war eine wabbelige, gelbliche Masse, und Amanda hatte sowieso nicht viel Lust gehabt, sich diese einzuverleiben. Sie überlegte keine zwei Sekunden mehr und folgte ihrem Impuls.

»Nicht so leid wie mir das hier!« Amanda schleuderte ihr den Pudding mitten ins Gesicht.

Nach einem jähen Aufschrei blickten sie zwei wutentbrannte Augen aus einem ziemlich hochroten Gesicht mit gelben Puddingklecksen an. Der Pudding haftete zunächst an der Haut, bevor die Schwerkraft ihren Tribut forderte. Mit aller Zeit der Welt rutschte er gemächlich hinab. Amanda musste sich zusammennehmen, um nicht lauthals loszulachen. Jennifer und Heather bemühten sich, ihrer Freundin mit einer Anzahl von Servietten zur Hand zu gehen.

»Lasst mich!«, fauchte sie Stefanie an.

»Ups, mir ist die Hand ausgerutscht. Ehrlich, tut mir ebenfalls aufrichtig leid. Ich bin heute etwas ungeschickt.«

»Das wirst du mir büßen!«

Sie stürzte sich auf Amanda und stieß diese mitsamt dem Stuhl um, sodass sie krachend auf den Boden fielen. Amanda stöhnte auf: Ellbogen und Hintern meldeten Blessuren an die Kommandoschmerzzentrale im Gehirn, Stefanie lag quer auf ihr und ein Stuhlbein machte es sich auf ihrem linken Oberschenkel bequem. Die Atmung fiel ihr merklich schwerer. Sie hätte Stefanie nicht reizen sollen, das war ihr jetzt klar geworden. Normalerweise achtete Stefanie auf ein vornehmes Benehmen, von dem nun aber nichts mehr zu sehen war. Amanda staunte über ihre Kraft. Nie im Leben hätte sie dieser kleinen Person einen solchen Kampfgeist zugetraut. Sie waren ineinander verkeilt, mal lag die eine und mal die andere obenauf. Stefanie riss mit aller Gewalt an der Bluse von Amanda und schaffte es, den Ärmel einzureißen.

Schuluniformen sind einfach nicht für Prügeleien gemacht worden, schoss es Amanda durch den Kopf. Und dann auch noch dieser blöde Rock …

Durch die Kämpfe mit ihrem Bruder geübt, gewann sie allerdings bald die Oberhand, obwohl Stefanie wie eine tollwütige Katze um sich schlug und nur schwer zu fassen war. Kaum hatte Amanda ihre Arme unter Kontrolle, bäumte sich Stefanie auf und befreite sich. Schon bald waren sie beide mit den Puddingresten garniert und Amanda konnte die Menge begeistert grölen hören. Während Amanda sich nur verteidigte und abblockte, griff Stefanie regelrecht an. Sie kratzte! Ihre Nägel waren spitz und Amandas Wange brannte.

»Aua!« Stefanie hatte sie gerade in den Oberarm gebissen.

»Du spinnst wohl!«, keuchte Amanda.

»Aufhören, sofort aufhören, auseinander, ihr zwei!«

Mrs Hardcastle, die Direktorin, stand breitbeinig vor ihnen. Emerson, der Hausmeister, und Mrs Brown, die Köchin, waren ebenfalls herbeigeeilt und zogen die Mädchen mühsam auseinander.

»Lasst mich los!« Stefanie brüllte und strampelte in alle Richtungen. Amanda war erleichtert, dass Abstand zwischen ihnen entstand und der Kampf endlich zu Ende war. Beide schnauften heftig, sahen verdreckt und mitgenommen aus. Die Haare hingen ihnen wild um die noch erhitzten Gesichter.

Mrs Hardcastle beäugte sie mit einem scharfen Blick, die Arme an die üppigen Hüften gelehnt. Demonstrativ zog sie die Luft an, als ob ihr der Anblick der zwei Mädchen Übelkeit verursachen würde, und ließ sie dann mit einem großen Atemzug wieder hinaus.

»Ich kann keine wesentlichen Verletzungen ausmachen. In mein Büro. Sofort!«

Schweigend machte sich die Gruppe auf den Weg.

»Hier gibt es nichts zu sehen. Die Pause ist gleich vorbei. Also, zack und zack!«, richtete sie ihre Worte an die anderen. Unter einigem Gemurre ging die Menge auseinander. Abwechslungen dieser Art waren selten und daher jederzeit willkommen.

»Miss Alexander, Miss Doyle, Sie sind doch gewiss so nett und wischen diese Schweinerei auf«, wandte sie sich an die Freundinnen.

»Aber …«, wollte Jennifer protestieren.

»Ja?« Mrs Hardcastle lugte angriffslustig zu ihnen herüber.

»Nichts.«

»Dachte ich es mir doch. Also, zack und zack!« Dies waren eindeutig ihre Lieblingsworte. »Zack und zack«, wohlgemerkt mit einem sehr kräftigen »und« dazwischen, und sie kommandierte wie ein General alles und jeden beliebig herum. In der Schule kursierte das Gerücht, dass sie wahrscheinlich schon im Hundertjährigen Krieg gedient hatte.

Während Amanda ziemlich kleinlaut vor ihr stand, gewann Stefanie ihren Mut zurück und starrte die Direktorin hochnäsig an.

»Das wird Konsequenzen haben, das dürfte Ihnen wohl klar sein. Ich werde Ihre Eltern verständigen. Ihr Benehmen ist unverzeihlich! So etwas habe ich in meiner gesamten Laufbahn noch nicht erlebt!«

»Meine Eltern sind zurzeit in Australien auf Geschäftsreise«, fuhr Stefanie dazwischen und grinste.

Mrs Hardcastle runzelte die Stirn.

»Und wer hat dann die Aufsicht?«

»Meine Schwester, die ist nämlich schon volljährig«, entgegnete Stefanie.

Wenn ihre Schwester vom gleichen Kaliber war, dann hatte Stefanie nicht viel zu befürchten. Aber Mutter würde verdammt wütend werden, überlegte Amanda. Mit Schlafwandeln und Scheidungsdepressionen ließ sich das nicht mehr erklären.

»Auch Ihre Eltern werden es schon noch erfahren, nur keine Sorge. Wer hat angefangen?«

»Sie natürlich!« Stefanie zeigte ungeniert auf Amanda.

Falsche Schlange, dachte diese.

»Das stimmt nicht. Sie hat mir zuerst Orangensaft über die Kleidung geschüttet.«

»Der ist mir umgefallen. Aus Versehen! Und dann hat mir diese Irre ihren Pudding ins Gesicht geschleudert und ist anschließend mir nichts, dir nichts über mich hergefallen! Die gehört doch eingesperrt!«

»Das ist nicht wahr!«, protestierte Amanda.

Doppelt falsche Schlange, fügte sie ihren Gedanken hinzu.

»Bleibt ruhig, edle Dame. Schont Eure Kräfte, denn schon bald werdet Ihr Eure Mission antreten!«

Amanda erstarrte. Da war die Stimme wieder. Mitten am Tag. Sie drehte den Kopf zaghaft zur Seite und schaute sich im Zimmer um. Rechts und links waren nur Regale mit Büchern und Aktenordnern zu sehen. Der mächtige Schreibtisch war vor dem Fenster platziert und verschwand unter einem Berg von Papier. Hatten die anderen das auch gehört? Amanda versuchte, auf den Gesichtern etwas zu lesen.

»Miss Tremayne, hören Sie mir zu? Was sagen Sie dazu?«

»Ich … ähm, Entschuldigung. Zu was soll ich was sagen?« Die Direktorin siezte einen immer so schön, außer sie war wütend. Dann nahm sie kein Blatt mehr vor den Mund und verspritzte ungefiltert ihren Zorn. Würde sie heute platzen?

»Das glaube ich ja nicht! Welche Unverfrorenheit! Das hier ist doch keine Teestunde!« Sie brauste auf und schwang ihren Arm energisch hin und her.

»Ähm, nein … so war das natürlich nicht gemeint. Ich höre doch zu, aber mein Arm tut mir weh. Stefanie hat hineingebissen, und außerdem brennt meine Wange. Da hat sie mich gekratzt.«

»Beißen, Kratzen, wie junge Hunde! Dieses Verhalten ist unentschuldbar. Das Motto dieser Schule lautet: Tugendhaftigkeit, Inspiration und Forschergeist! Nichts von alledem kann ich an Ihnen entdecken. Sie sind eine Schande für diese Institution! In meinen Augen haben Sie beide die Konsequenzen zu tragen.«

»Aber Mrs Hardcastle!«

»Ja, Miss Jules?«

»Ich habe nicht angefangen. Es ist unfair, wenn ich ebenfalls bestraft werde.«

Stefanie versucht es mit allen Mitteln, ging es Amanda durch den Kopf. Aber etwas anderes beschäftigte sie weitaus mehr: Anscheinend hatte niemand außer ihr die Stimme gehört. Vielleicht hatte sie sich diese auch nur eingebildet?

»Aber offensichtlich hast du angegriffen. Hier steht Aussage gegen Aussage.«

Ah, sie war im Begriff zu explodieren, weil sie auf das »du« wechselte, bemerkte Amanda. Wie hatte es nur so weit kommen können, dass sie vor der Direktorin gelandet war? Das würde ihren Beliebtheitsgrad nicht gerade steigern, sinnierte sie weiter.

»Man wird sich doch wohl noch verteidigen dürfen, wenn man von einer Irren angesprungen wird!« Stefanie blähte sich auf.

»Ich dulde weder diesen Ton noch dieses Benehmen! Sie werden heute nachsitzen!«

»Aber …«, mehr konnte Amanda nicht hinzufügen. Sie wollte unbedingt ihre Nachforschungen betreiben. Nun mehr denn je.

»Keine Widerworte mehr! Miss Jules, Miss Tremayne, Sie können jetzt gehen, während ich den Brief aufsetze. Ziehen Sie sich um und Miss Tremayne, lassen Sie sich etwas Jod für die Wange geben! Und jetzt zack und zack in den Unterricht. Sie haben schließlich keine Freistunde!« Mit ihren letzten Worten wandte sie sich ab und nickte sie hinaus.

»Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?!« Stefanie zischte die Worte wie giftige Pfeile aus einem Blasrohr hinaus, als sie vor der verschlossenen Türe standen. Hinter jedem Wort machte sie eine winzige Atempause.

»Du hast angefangen!«

»Heute nachsitzen! Dafür habe ich keine Zeit!«

»Da stimme ich ausnahmsweise mit dir überein!«

»Kann mir kaum vorstellen, was du vorhaben könntest«, höhnte sie. »Ich bin mit Derek verabredet!«

Derek, der begehrteste Junge an der Schule. Intelligent, gut aussehend mit seinem braunen Haar und den unglaublichsten aquamarinfarbenen Augen, die sie je gesehen hatte, sportlich und dazu noch aus gutem Elternhause. Obwohl sich Amanda keinerlei Hoffnungen auf Derek machte, ärgerte sie der Gedanke, dass Stefanie es geschafft hatte, sich mit ihm zu verabreden. Ausgerechnet Stefanie! Sie hätte Derek mehr Geschmack zugetraut.

»Stefanie! Wie war’s?« Jennifer und Heather eilten herbei.

»Wir haben extra langsam aufgewischt, damit wir dich noch abfangen können. Eigentlich müssten wir schon längstens in Mathe sitzen«, kicherte Heather.

»Nachsitzen! Und das alles nur wegen dieser blöden Kuh! Außerdem kriegen wir einen Brief.«

Amanda zuckte nur mit den Schultern und ging in Richtung Krankenstation.

»Wir sprechen uns noch!«, rief ihr Stefanie hinterher.

So viel Ärger an einem einzigen Tag! Amanda kontrollierte die Wunde im Spiegel. Das Jod brannte ein wenig, in ihrem Arm zeichneten sich deutlich die Bissspuren von Stefanie ab. Noch war alles gerötet, aber es würde verheilen. Der Riss aber, der sich zwischen ihr und den drei Mädchen gebildet hatte, war unwiderruflich.

In der Mädchentoilette zog sie sich um und sah sich eindringlich im Spiegel an. Ihre Augen waren grün, jadegrün, und je nach Situation leuchteten sie mal heller oder dunkler, nun glänzten sie in einem dunklen, traurigen Grün und Amanda spürte, wie ihr zum Weinen zumute war. Ihre langen, braunen Haare hatte sie mittlerweile wieder zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie hatte feine Gesichtszüge und eine Stupsnase mit ein paar ganz kleinen und unauffälligen Sommersprossen.

Amanda zögerte den Gang in die Klasse hinaus und rief ihre Mutter an. Zum Glück hatte sie Mrs Jenkins, die diensthabende Lehrerin in der Krankenstation, kaum etwas gefragt. Vor ihrer Mutter musste sie sich zusammenreißen und die Fassung wahren. So gut es ging schilderte sie die Situation in der Mensa. Den Vorfall im Bus musste sie ja nicht auch noch erfahren. Sie konnte nur hoffen, dass Ian das nicht erwähnen würde. Amanda musste ihn unbedingt vorher abpassen.

»Ihr habt euch geprügelt?« Blankes Entsetzen sprach aus ihrer Stimme.

»Da ziehen wir extra aufs Land, weil die Großstadt gefährlich ist und Gangstermethoden in die Schulen eindringen, und dann passiert das mitten in Chippenham! Man stelle sich das nur einmal vor!«

»Gangstermethoden« klang reichlich übertrieben, fand Amanda, war aber eine willkommene Entschuldigung und Ablenkung.

»Diese Stefanie ist ja wirklich ein Biest, wenn sie dich angreift und dann alles auf dich abzuwälzen versucht.«

Amanda nickte, bis sie merkte, dass ihre Mutter diese Geste gar nicht sehen konnte.

»Seid stark! Eure Stunde kommt noch!«

Die Stimme! Sie war wieder da!

Amanda riss überrascht den Hörer von ihrem Ohr.

Nur undeutlich hörte sie einige Wortfetzen aus ihm heraus. Rasch nahm sie ihn daher wieder auf.

»Ma, ich muss aufhören. Der Unterricht … ich muss wieder …«

»Geh nur. Und pass auf dich auf.«

So viel Verständnis hätte sie ihrer Mutter gar nicht zugetraut. Aber was sie wesentlich mehr beunruhigte, war diese Stimme. Innerhalb kürzester Zeit erschien sie bereits zum zweiten Mal.

Amanda sah sich im Gang um. Niemand war zu sehen.

»Hallo? Ist hier jemand?«, flüsterte sie.

Sie erhielt keine Antwort.

Nach allen Seiten hin Ausschau haltend ging sie langsam in die Klasse zurück. Zögernd legte sie ihre Hand auf den Türgriff. Schließlich öffnete sie und trat so beherzt wie nur irgend möglich hinein. Stefanie und die anderen saßen bereits wieder da. Erstaunlich schnell hatte sie sich wieder in die souveräne und gut aussehende Stefanie verwandelt. Alle Augen waren erneut auf Amanda gerichtet und sie spürte förmlich, wie die Röte ihr Gesicht einnahm. Langsam ging sie auf ihren Platz zu und setzte sich, froh darüber, sich an etwas festhalten zu können. Mr Parker, der Mathematiklehrer, sagte zu alledem nichts. Niemand sagte irgendetwas, und das machte es fast noch schlimmer. Die Stille war unheimlich.

»Wir haben uns gerade diesen Kreis angeschaut und überlegen nun, wie wohl die Formel zur Berechnung seiner Fläche lautet. Amanda, kannst du uns vielleicht etwas dazu sagen?«

Mathematik, und in diesem Fall Geometrie - Amanda mochte auch dieses Fach nicht sonderlich, und dies beruhte auf Gegenseitigkeit, die Fächer mochten sie auch nicht.

»Hm, der Kreis …« Sie suchte verzweifelt in ihrem Gedächtnis nach der Formel. Irgendetwas mit … wie war das doch gleich …? Wieder richteten sich alle Augen auf sie. Das war heute wie eine Krankheit. Einundzwanzig weitere Mitschüler hatte die Klasse, dazu der Lehrer, das machte vierundvierzig Augen, überlegte Amanda. Viel zu viele. Mist, ich brauche ja die Formel.

»Nun, Amanda? Alles vergessen von letzter Woche?«

»Ähm, nein, natürlich nicht. Die Formel lautet …«

»p x r2

Die Stimme! Ohne weiter zu zögern, prustete sie die gewünschte Formel heraus.

»Na also, geht doch. Und nun, da wir die Formel kennen, können wir uns einem anderen Problem zuwenden. Michael, wie kann ich denn den Umfang eines Kreises berechnen?«

Amanda atmete erleichtert auf. Danke, ging es ihr durch den Kopf.

»Oh, gern geschehen. Obwohl das kein gutes Licht auf dich wirft, wenn du noch nicht einmal so eine einfache Formel kennst.«

Das war die Stimme, und sie war es auch wieder nicht. Sie klang anders, etwas heller, frecher und dynamischer. Vorsichtig schaute sie sich um. Was ging hier nur vor? Verlor sie zunehmend den Verstand? Am helllichten Tag?

»Oh, wie unhöflich. Bréanainn lautet mein werter Name. Bréanainn von, na, das lassen wir mal lieber. Wenn du auf allen Gebieten derart talentiert bist wie in der Mathematik, sehe ich schwarz für uns. So ein richtig dunkles, fieses Schwarz. Du bist nie und nimmer die Auserwählte! Vergiss den Quatsch mit der Zusammenkunft am besten gleich wieder!«

»Bréanainn, ich habe dir gesagt, du sollst dich nicht einmischen. Verzeiht bitte das forsche Vorpreschen meines Bruders. Seine Zunge ist manchmal schneller als sein Verstand. Ihr seid natürlich die Richtige. Und ein paar Lücken hier oder da … ich glaube fest an Euch. Ihr werdet die Aufgabe meistern …«

»Aufhören!« Amandas Schrei gellte durch die Klasse.

Ja, sie wusste, was nun folgen würde: Sie zog wieder alle Blicke auf sich. Sogar Stefanie und ihre Freundinnen waren über diesen Aufschrei verblüfft.

»Stimmt etwas nicht mit meiner Formel?«, äußerte sich Mr Parker verdutzt und schaute verunsichert auf die Tafel.

»Ähm, nein. Mit ihrer Formel ist alles in Ordnung. Ich, ich … es tut mir leid … aber mir tut mein Arm so weh, dass ich den Schmerz nicht mehr aushalten konnte.«

»Dein Arm?«

»Amanda und Stefanie haben sich doch geprügelt!«, rief jemand dazwischen.

Mr Parker runzelte die Stirn. Prügeleien schienen nicht in seine Welt aus Formeln und Linien zu passen.

»Ach, ja. Stimmt. Ich wurde informiert. In der Mensa. Üble Sache … üble Sache. Siehst du dich in der Lage, dem Unterricht weiter zu folgen, ohne durch einen erneuten Aufschrei abermals Unruhe zu verbreiten?«

»Ich denke schon.«

»Nun gut. Dann wenden wir uns wieder dem Problem auf der Tafel zu.«

»Ausreden kann sie sich immerhin.«

Das musste Bréanainn gewesen sein.

»Pscht … du machst alles nur noch schlimmer. Sie ist schon verwirrt genug, am Ende erleidet sie noch einen Schock.«

»Pah! Ich sagte es doch! Zu … hm, zu falsch! Wenn wir bloß nicht auf dich gehört hätten. Nun ist es zu spät!«

»Jetzt ist es aber genug. Streitet euch gefälligst in einem anderen Kopf weiter«, fuhr Amanda dazwischen.

Augenblicklich verstummte es. Amanda wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als eine kleine Fliege zu sein, um schleunigst aus dem Klassenzimmer hinausschwirren zu können. Sie vergrub sich so gut es ging in ihrem Heft und schaute nicht wieder hervor, bis das Pausensignal zu hören war.

Der Rest des Nachmittages verlief zum Glück reibungslos. Niemand beachtete sie weiter. Alle machten einen weiten Bogen um sie. Sogar Alice, mit der sie sich schon öfters unterhalten hatte, mied sie. Wahrscheinlich hatte es tatsächlich geklappt, unsichtbar zu werden. Oder sie war schlicht und ergreifend unbeliebt.

Schließlich rückte die Stunde des Nachsitzens an. Mit Stefanie und einer Lehrerin in einem Raum zu sitzen, verursachte Unbehagen in ihr. Es war das erste Mal überhaupt in ihrer Schullaufbahn, dass sie nachsitzen musste. Zudem war es ihr vor der Lehrerschaft und der Direktorin peinlich, derart aufgefallen zu sein. Nun wussten alle über die »Neue« Bescheid. Sie war ein »Troublemaker«, jemand, der sich nicht im Griff hatte. Dieses Image gefiel ihr ganz und gar nicht. Unruhig warf sie ständig einen Blick auf die große Wanduhr. Die Zeiger bewegten sich nicht. Sie musste kaputt sein. Es war unmöglich, wie langsam Zeit vergehen konnte, gerade wenn man auf etwas wartete. Ausgerechnet heute! Unkonzentriert wanderte ihr Blick immer wieder von ihrem Buch weg. Stefanie knabberte an einem Stift und wippte mit ihrem Bein auf und ab. Mrs Johnson hingegen schaute während der ganzen Zeit nicht zu ihnen herüber. Sie war in ihrer Welt aus englischer Literatur und Grammatik gefangen. Als wäre sie mutterseelenallein auf der Welt, kontrollierte sie in aller Ruhe die Klassenarbeit. Ihre Wangen glühten vor lauter Eifer, den Rotstift ansetzen zu können, und Amanda bewunderte sie insgeheim für diese Hingabe. In ihr schrie alles nach Bewegung. Sie musste in diesen Wald. Endlich, nach zwei Seiten voller Kreise, einem reichlich kürzer gespitzten Bleistift und zu vielen Minuten der Untätigkeit, war ihre Strafe abgesessen. Stefanie sauste hinaus, ohne Amanda noch eines Blickes zu würdigen, und auch letztere beeilte sich. Der Bus war natürlich schon weg. Ihr blieb nichts anderes übrig als zu laufen. Und das mit diesen Füßen. Vielleicht könnte sie ja noch einmal Kontakt zu diesen merkwürdigen Stimmen herstellen?

»Hallo? Seid ihr noch da?«

Niemand meldete sich auf ihren Aufruf. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn heute mal irgendetwas geklappt hätte. Es war heiß, und ihre Füße begannen allmählich in den Schuhen zu glühen. Tapfer kämpfte sie sich trotzdem Stück für Stück in Richtung Wald vorwärts. Ihre Gedanken kreisten nur um den nächsten Schritt. Irgendwann kam sie tatsächlich bei dem Waldstück an: Spaziergänger, welche gemütlich schlenderten, Mütter, die ihren Kinderwagen schoben, spielende Kinder, einige begeisterte Wandertouristen. Amanda war enttäuscht. Insgeheim hatte sie gehofft, dass sie alleine sein würde, wenn sie dem Geheimnis auf die Spur käme. Sie hatte erwartet, dass sie irgendetwas fühlen würde an diesem Ort, aber sie fühlte nichts, und hier war auch absolut nichts Unheimliches. Das Sonnenlicht blinzelte zwischen den Blätterdächern hindurch, aber ihre Schatten brachten immerhin etwas Kühlung. Es sah hier genauso aus, wie man es von einem guten Wald erwarten durfte: Bäume, Büsche, sogar einige flinke Eichhörnchen waren unterwegs. Und je weiter sie durch den Wald lief, desto weniger passierte irgendetwas.

Das hat alles keinen Sinn mehr, seufzte sie und drehte wieder um. Weder der steinige Weg, noch die Wiese, schon gar nicht die Hütte und erst recht keine Stimmen weit und breit.

Außerdem gab es in ihrem Umkreis noch andere Wäldchen. Zeit, sie alle unter die Lupe zu nehmen, hatte sie jetzt eh nicht mehr. Resigniert ging sie heim. Nun würde sie auch noch Ärger wegen ihrer Verspätung bekommen. Das war alles nicht fair! Vielleicht war sie ja schizophren geworden? Verschiedene Persönlichkeiten, die in ihr wohnten und sie nun foppten? Das würde immerhin die Stimmen erklären. Wahrscheinlich war sie zu oft alleine gewesen in der Vergangenheit. Es war nicht einfach, einen neuen Freundeskreis in einer unbekannten Umgebung aufzubauen, und nach dem heutigen Auftritt würde es auch weiterhin schwierig bleiben.

»Da bist du ja endlich! Ich warte schon die ganze Zeit auf euch. Das Abendessen ist längst parat. Und wo treibt sich dein Bruder rum?« Das wusste Amanda auch nicht. Aber nicht lange nach ihr kam er endlich, und ihre Mutter legte los mit ihrer Predigt, dass man Pünktlichkeit heutzutage nicht mehr zu schätzen wisse und die Jugend am Verlottern sei. Sie stoppte erst, als sie den ersten Bissen im Mund hatte.

Amanda schöpfte wieder etwas Hoffnung, dass die Welt sich nicht vollständig gegen sie verschworen hatte, als sie ihre Gabel mit einem großen Spaghetti-Knäuel bestückte. Ian war während des Essens auffallend ruhig. Anscheinend hatte er überhaupt nicht vorgehabt, über die heutigen Vorfälle zu sprechen. Allerdings, kaum jemand sprach, alle hingen ihren eigenen Gedanken nach, und so wurde das Essen wahrscheinlich zu einem der stillsten in der ganzen Familiengeschichte der Tremaynes. Ihre Mutter malte mit der Gabel fortwährend irgendwelche imaginären Motive auf das Tischtuch; einige Farbkleckse an den Händen zeugten noch von ihrem Schaffensdrang, und sie roch nach Ölfarben. Amanda war mit diesem Duft groß geworden und konnte sich ihre Mutter ohne dieses eigentümliche Parfüm gar nicht mehr vorstellen. Manchmal glaubte sie an dem Geruch die Farbe erkennen zu können. Irgendwie roch rot anders als blau und so weiter. Vielleicht bildete sie sich das aber auch nur ein?

Schnell zog sie sich nach dem Essen in ihr Zimmer zurück, wo sie dankbar für die Geborgenheit ihrer eigenen vier Wände war. Stumpf erledigte sie ihre Hausaufgaben und bereute, dass sie die Zeit während des Nachsitzens nicht besser genutzt hatte. Es war schwer, sich auf profane Dinge wie die Industrialisierung Englands im 19. Jahrhundert zu konzentrieren, wenn man nicht einmal mehr seinen eigenen Sinnen trauen konnte. Erschöpft und kraftlos ging sie zeitig zu Bett. Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu der seltsamen Nacht zurück. Rastlos drehte sie sich ständig hin und her und fand keine Antworten auf ihre vielen Fragen. Sie hatte geschlafwandelt, so viel stand fest, sonst hätte Stefanie sie nicht gesehen. Das bereitete ihr Sorgen. Aber die Stimmen in ihrem Kopf? War sie wirklich geistesgestört? Irgendwie fühlte sie sich noch »normal«. Sie hatte schon von Menschen gehört, die andauernd einen kleinen Mann im Ohr reden hörten. Gehörte sie nun auch zu denen? Würde sie wieder schlafwandeln? Sicherheitshalber stand sie erneut auf und überprüfte, ob alles geschlossen war. Die Grübelei löste Angst bei ihr aus. Sie spürte ihren Herzschlag nur allzu deutlich. Das Herz pochte derart energisch, dass sie glaubte, es würde aus ihrer Brust springen, und hinderte sie am Einschlafen. Irgendwann musste der Schlaf aber dann doch über sie gefallen sein, denn sie war überrascht, als am Morgen der Wecker piepste. Ihr kam es vor, als ob sie gerade erst in einen traumlosen Schlaf gefallen wäre. Monoton erledigte sie die morgendliche Routine im Bad. Zum Glück brannten ihre Fußsohlen nicht mehr und auch das Gehen fiel ihr erheblich leichter als am Vortag. Als sie wieder in ihr Zimmer zurückkam, erschrak sie ob der gebotenen Überraschung. Der eigenartige Mann aus der Hütte stand vor ihr. Lächelnd schaute er sich gerade in aller Seelenruhe ihr Reich an.

»Was machen Sie denn hier!?«, schrie Amanda.

»Bitte beruhiget Euch. Es gibt keinen Grund sich aufzuregen.«

»Wie kommen Sie überhaupt hier rein?«

Condan lächelte immer noch. »Wir müssen jetzt gehen.«

»Ma …« Der Rest des Satzes blieb ihr im Halse stecken. Sie bekam gerade noch mit, dass ein greller Lichtblitz den Raum in Besitz nahm, dann wurde es dunkel. Wieder mal.

 

3

Aller guten Prüfungen sind drei

 

Als sie die Augen wieder aufschlug, war sie in einer ihr völlig fremden Umgebung. Das Zimmer war rund und wurde von einem großen weißen Sitzbereich, der fast den gesamten Raum ausfüllte, beherrscht. Ein kleiner Glastisch stand da, bestückt mit einigen Kristallgläsern und einer kostbar aussehenden Glasflasche, welche mit Wasser gefüllt war. Das Ensemble sah ziemlich zerbrechlich aus. Amanda saß auf der Couch und ließ ihre Blicke wandern. Sie konnte keine Fenster sehen, und was sie noch mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass es auch keine Türen gab. Die unzähligen in der Decke eingelassenen kleinen Lampen leuchteten den Raum relativ nüchtern aus, der Boden bestand aus Marmor, weiß und zart rosé strukturiert; die einzigen Farben hier. Plötzlich schoben sich die Wände auseinander und ließen jemanden eintreten. Es war der Mann.

»Trinkt, Ihr müsst durstig sein. Die Delokalisierung trocknet mir jedes Mal den Mund aus.«

Zögernd betrachtete sie das Wasser. Sollte sie tatsächlich? Vielleicht war es ja vergiftet? Sie spürte ihren trockenen Mundraum und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie hatte tatsächlich Durst.

»Keine Sorge. Es ist nicht vergiftet. Ich werde mir auch ein Glas nehmen. Allerbestes Quellwasser.« Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und goss feierlich ein. Amanda betrachtete die Person ausgiebig.

»Doch wie unhöflich. Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Condan.«

Er verbeugte sich elegant.

»Condan? Ein ungewöhnlicher Name.«

»Ja, er stammt aus einer anderen Zeit. Übersetzt bedeutet er so viel wie dunkelhaariger, weiser Mann. Aber dunkel sind meine Haare längst nicht mehr, und mit der Weisheit ist es so eine Sache.« Er lachte herzlich auf und verwies auf seinen weißen Schopf.

»Lasset uns trinken. Auf die Zusammenkunft! Entschuldigt den etwas theatralischen Auftritt, aber wir mussten Euch behutsam auf die wichtige Begegnung vorbereiten. Außerdem wollten wir sehen, wie Ihr mit einem ungewöhnlichen Ereignis fertig werdet. Ob Ihr es für Euch behaltet oder herumerzählt. Wenn man anfängt, das Unwahrscheinliche als wahrscheinlich anzunehmen, wird es einfacher zu verstehen.«

»Sie meinen den Albtraum?«

»Ja, eine Mischung aus Illusion und Delokalisierung, und einen kleinen Vorgeschmack auf … na, darauf komme ich später noch zu sprechen.«

Ehrfürchtig überreichte er Amanda das Glas.

Amanda nickte nur stumm und trank es in einem Zug aus. Das Wasser schmeckte tatsächlich gut, es war angenehm kühl und allem Anschein nach auch nicht vergiftet, denn sie spürte keinerlei verdächtige Nebenwirkungen. Während sie trank, fragte sie sich, was da wohl noch für Überraschungen auf sie zukommen sollten. Zudem ärgerte es sie, dass Condan für ihren »Barfußauftritt« verantwortlich war. Wenigstens Schuhe hätte er sie anziehen lassen dürfen, aber sie schwieg zu diesem Thema. Alles kam ihr reichlich konfus und seltsam vor. Oberseltsam sogar. Und einfach schon mal ganz und gar nicht.

»Wie bin ich hierhergekommen und wo ist ›hier‹?«, erkundigte sie sich und brannte darauf, eine Antwort zu erhalten. Insgeheim überlegte sie, ob sie nicht völlig andere Fragen stellen müsste: Haben Sie mich entführt? Wollen Sie Lösegeld? Bin ich Ihre Gefangene? Sie behielt die Liste der Fragen aber erst einmal für sich.

Condan zögerte seine Antwort hinaus. Er trug eine dunkelblaue Hose aus einem leichten Stoff und einen dünnen Pullover in derselben Farbe, allerdings aus feinster Kaschmirwolle. Den Blick dafür hatte Amanda von ihrem Vater gelernt, der nichts anderes an seinem Körper ertragen konnte als dieses edle Material. Unzählige Stunden in Londons feinsten Boutiquen hatte sie über sich ergehen lassen müssen. Denn anstatt eine Tour mit dem Fahrrad zu machen, zog er es vor, gemeinsam mit seinen Kindern Kleidung auszusuchen, unterwies sie dabei in die unterschiedlichsten Materialien und brachte ihnen die Namen der Schneider und Marken bei, welche seinen strengen Qualitätskriterien gerecht wurden. Er wurde nicht müde, immer wieder zu betonen, wie wichtig gute Qualität sei. Ian nickte meistens zu allem und holte dann heimlich seinen iPod zum Spielen heraus, wenn ihr Vater wieder in der Umkleidekabine verschwand. Amanda vergaß meistens etwas mitzunehmen und schlug die Zeit tot, indem sie die anderen Kunden beobachtete. Erstaunlicherweise war es in ihrer Familie der Vater, welcher bei der Kleidung den Stil vorgab. Ihre Mutter hingegen trug gerne farbenfrohe und unkomplizierte Kleidung, besonders frei und bunt zusammengewürfelt, wenn Vater auf Reisen war. In seiner Gegenwart versuchte sie sich wenigstens einigermaßen zu bändigen. Manchmal wünschte sich Amanda, dass ihre Mutter nicht immer wieder so aussah wie ihre Bilder, die den Eindruck machten, als wäre ein ganzer Stapel Farbeimer draufgekippt.

Dass der nicht schwitzt, ging es Amanda durch den Kopf. Ihr war warm, heiß, um genauer zu sein. Aber vielleicht hing das auch mit ihrem beschleunigten Pulsschlag zusammen? Das Trommeln ihres Herzen jedenfalls war nicht zu überhören. Es klang wie ein afrikanisches Lied und sie war fast geneigt, mitzusummen. Keine Panik, ruhig bleiben, trichterte sie sich ein. Treffen dieser Art pflegte sie wahrlich nicht gerade täglich zu absolvieren. Trinken! Gewiss würde ihr zusätzliches Wasser helfen, ruhiger zu werden. Sah man doch ständig im Fernsehen. Wenn jemand aufgeregt war, verlangte man nach einem Glas Wasser. Schien ein Allheilmittel zu sein. Behutsam nahm sie die Karaffe an sich und schenkte etwas nach. Hoffentlich fiel ihm nicht auf, wie sehr sie zitterte. Sie musste sich zusammenreißen, um nichts zu verschütten. Skeptisch blickte sie zu Condan auf. Aus der Nähe betrachtet erschien sein Gesicht freundlich, und sie konnte nun auch deutlich die Farbe seiner Augen erkennen: grün mit kleinen goldenen Punkten darin. Wirklich ungewöhnlich, wie alles andere auch.

»Wie gut ist Euer geschichtliches Wissen?«

»Geschichte?« Mit dieser Frage hatte sie nun wirklich nicht gerechnet, stattdessen vielmehr auf eine vernünftige Antwort mit Hinweisen auf ihren jetzigen Aufenthaltsort gehofft.

Amanda räusperte sich.

»Ehrlich gesagt gibt es nur wenige geschichtliche Epochen, die mich interessieren. Ähm, sehr, sehr wenige.«

»Hm, dann müssen die Vorbereitungen umso besser getroffen werden.«

»Was denn für Vorbereitungen? Warum bin ich überhaupt hier? Noch einmal, wo ist ›hier‹ eigentlich? Und warum reden Sie andauernd von der Zusammenkunft? Und was zum Kuckuck ist eine Delokali…sowieso-lisierung? Und warum habe ich Ihre Stimme in meinem Kopf gehört, die und noch eine andere? Und …«

Aus Amandas Innerem platzten alle Fragen auf einmal heraus. Nervös stand sie auf, aber da sie nicht wusste, wohin sie sich in diesem Raum wenden sollte, setzte sie sich wieder hin.

»Ich verstehe, dass Ihr viele Fragen habt. Und ich werde versuchen, sie zu beantworten. Es wird nicht einfach für Euch werden, alles zu verstehen. Nein, einfach wird es garantiert nicht.«

In diesem Augenblick schoben sich die Wände erneut auseinander und ein anderer Besucher trat energisch ein. Er trug eine ähnliche Kleidung wie Condan, mit der Ausnahme, dass seine in schwarz gehalten war. Seine schwarzen Haare glänzten bei der Beleuchtung und wirkten ansatzweise sogar wie mit blauen Fäden durchzogen. Sein Mund war angriffslustig zusammengekniffen und seine azurblauen Augen (sie waren sogar noch leuchtender als die von Derek, und das sollte etwas heißen) schenkten ihr keinerlei Aufmerksamkeit, sondern widmeten sich ausschließlich Condan. Er war entschieden jünger als dieser. Vielleicht nur wenig älter als sie selbst?

»Weiß sie es schon?« Seine Stimme klang bestimmt, aber melodisch. Amanda erkannte sie sofort wieder. Das musste die Gestalt zu der zweiten Stimme sein, die sie in ihrem Kopf besucht hatte.

»Bréanainn, ich hatte dir doch gesagt, dass du dich fernhalten sollst!«

»Dann weiß sie es noch nicht. Ich bitte dich, Condan, als dein Bruder. Lass uns die Sache noch einmal überlegen. Ich halte sie nicht für die richtige Person. Und da bin ich nicht der Einzige. Sie kann alles gefährden! Bitte, noch ist nichts passiert. Wir bringen sie zurück und sorgen dafür, dass sie alles vergisst. Der Rat ist sich auch nicht sicher. Condan, bitte! Es ist noch nicht zu spät!«

Bréanainns Worte waren eindringlich und mahnend. Er ignorierte Amanda weiterhin demonstrativ und sah flehend zu Condan hinüber. Amanda wunderte sich über den Umstand, dass die beiden Brüder sein sollten. Sie glichen sich zwar, aber der Altersunterschied kam ihr gewaltig vor. Aber vielleicht hatte sie Condans Alter auch nur komplett falsch eingeschätzt?

Condan sprang auf.

»Du vergisst dich!« Sie standen sich gegenüber und taxierten einander grimmig. »Was maßt du dir eigentlich an? Du hintergehst mich beim Rat? Noch bin ich der Druide, und wir haben lange Zeit auf diese Zusammenkunft hingearbeitet. Sie ist die richtige Person!«

Laut und bestimmt hallten seine Worte durch den Raum.

»Ich, ich … wenn ich auch etwas dazu sagen darf«, meldete sich Amanda zaghaft zu Wort und richtete sich langsam auf. »Sie müssen sich meinetwegen wirklich nicht streiten. Ich habe keine Lust auf eine Zusammenkunft und würde auch gerne wieder nach Hause gehen. Bitte, er … ähm Bréanainn, nicht wahr? Er hat recht. Ich bin nicht die richtige Person, für was auch immer.«

Bréanainn wandte sich zum ersten Mal direkt an sie und musterte sie genau. Ihre Blicke trafen sich und Amanda senkte verschämt den Kopf.

»Nichts gegen dich. Das darfst du nicht persönlich nehmen, aber wir brauchen für unsere Mission nun mal jemanden anderen.«

Nämlich mich,fügte er in Gedanken hinzu.

Amanda nickte beipflichtend, auch wenn sie rein gar nichts verstand.

»Bréanainn, ich sage es dir noch einmal. Sie ist die Richtige. Vertrau mir. Aber wenn du einen Beweis haben musst, dann können wir sie ja einer Prüfung unterziehen.«

Bréanainn schwieg einen Augenblick lang.

»Eine Prüfung ist keine schlechte Idee, denn dann erhältst du nämlich einen Beweis dafür, dass sie die Falsche ist.«

»Dann lasst uns keine Zeit mehr verlieren. Kommt, Amanda. Wir müssen einen Querulanten überzeugen!«

Es war das erste Mal, dass Condan sie direkt mit ihrem Namen ansprach. Er war schon merkwürdig, mit ihr sprach er so schrecklich altertümlich und mit Bréanainn vollkommen normal.

»Aber … aber ich will gar keine Prüfung machen! Ich will wieder nach Hause, sofort, bitte!«

»Nein, enttäuscht mich jetzt nicht. Mein Glaube an Euch ist unerschütterlich. Vertraut mir. Bitte! Schaut Euch die Prüfungen wenigstens erst einmal an, dann könnt Ihr immer noch ablehnen.« Condans Augen blieben auf ihr haften. Die goldenen Punkte schienen zu tanzen und winkten ihr verführerisch zu. Amanda schaute von einem zum anderen. Sie wusste nicht mehr, was sie von dieser Situation zu halten hatte. Sie wusste auch nicht, was sie von Condan und Bréanainn halten sollte. War sie bei gefährlichen Verrückten gelandet? Man las ja viel in den Zeitungen. Aber irgendetwas in ihrem Inneren riet ihr, die Aufforderung zu der Prüfung anzunehmen. Sie hatte eigenartigerweise keine Angst vor den beiden. Eine innere Stimme, und jetzt war es zur Abwechslung mal ihre eigene, gab ihr den Mut, an die Worte von Condan zu glauben. Was auch immer das für eine Mission war, ihre Neugierde war geweckt worden, und sie war davon überzeugt, dass sie etwas ganz Besonderes erlebte. Diese seltsamen Namen, der plötzliche Ortswechsel, die Telepathie … all das waren für sie Anzeichen, dass hier andere Kräfte wirkten. Welche, das wusste sie nicht. Aber sie wollte diesem Geheimnis unbedingt auf die Spur kommen. Und zum anderen wollte ihr Stolz Bréanainn beweisen, dass er sich in ihr irrte. Nach Hause konnte sie immer noch, glaubte sie.

»Nun denn, wenn es sein muss …«

»Es muss!«

Condan lächelte und Bréanainn setzte eine überhebliche Miene auf.

»Wenn ich vorgehen darf«, gab Condan unbekümmert von sich. Er schien sich seiner Sache ziemlich sicher zu sein.

Sie setzten sich in Bewegung und Amanda war gespannt darauf, aus dem Raum zu kommen, um die unbekannte Umgebung zu erkunden. An die Prüfung verschwendete sie keinerlei Gedanken. Geräuschlos öffnete sich die Wand. Amanda konnte keinen Knopf oder Ähnliches entdecken. Die Wände mussten auf irgendeinen Sensor reagieren, aber wo steckte der bloß? Vielleicht befand er sich im Boden?

Sie kam sich ziemlich klein und hilflos zwischen den beiden vor, aber zum Trotz hob sie den Kopf und gab sich gleichgültig, auch wenn es in ihr brodelte. Schmetterlinge machten sich vor Aufregung in ihrem Magen startklar, bereit zum Abheben, und sie spürte eine größere Unruhe als vor einem Test in Mathematik. Und die war schon schlimm genug.

Sie gingen hinaus und Amanda war sehr neugierig zu erfahren, was sie noch alles sehen und erleben würde. Eines wusste sie jetzt sicher zu sagen: Langweilig war es in Chippenham mit einem Mal ganz und gar nicht mehr.

Der marmorne Boden zog sich durch das ganze Gebäude hindurch. Es schien rund zu sein, ähnlich einer Spirale. Oder drehte bei Amanda die Wahrnehmung bereits durch? Fenster waren keine vorhanden, die Wände blieben weiß, allerdings hingen unzählige Bilder daran. Und Bilder an runde Wände zu hängen war nicht gerade einfach. Es waren Porträts von Kindern, Frauen und Männern. Der Kleidung nach zu urteilen von diversen Epochen. Der Malstil änderte sich jeweils, die Farbgestaltung war dunkel oder hell, die Gesichter ernst oder entspannt, die Rahmen verspielt oder streng modern. Das Maß der Bilder blieb aber stets das Gleiche. Amanda schätzte es auf ein mal ein Meter. Da die Bildergalerie auf beiden Seiten des Ganges zu bewundern war, wusste sie gar nicht, wohin sie während des Gehens zuerst blicken sollte.

»Hier, bitte«, weckte Condan sie aus ihren Gedanken. Amanda dachte, sie würde in ein neues Zimmer gelangen, aber stattdessen bot man ihr eine Sitzgelegenheit mitten im Gang an. Merkwürdigerweise war dies der einzige Stuhl weit und breit.

»Wir müssen die Prüfung vorbereiten. Bitte nehmet Platz und wartet. Es kann sogleich losgehen.«

Amanda zuckte mit den Schultern. Sie nutzte die Gelegenheit, um sich die Bilder näher anzuschauen. Warum gab es hier nur so viele Porträts? Nicht ein einziges Landschaftsbild, kein Stillleben, nur Menschen. Alle schienen sie vorwurfsvoll anzustarren und waren stumme Begleiter ihrer Ungeduld. Amanda rutschte aufgeregt auf dem Stuhl hin und her, stand mal auf, ging näher zu einem Bild und setzte sich wieder. Was wollten die beiden nur vorbereiten? Wäre es nicht schlauer, die Gelegenheit zur Flucht zu ergreifen? Aber wohin fliehen? Sie wusste ja nicht einmal, wo sie sich befand. Das Beste wäre wahrscheinlich tatsächlich, abzuwarten. Sie trommelte mit den Fingern auf der Lehne des Stuhles und versuchte sich mit einer Melodie abzulenken, aber es half nichts. Und die Schmetterlinge drängten penetrant an die Oberfläche.

»Es ist so weit. Wenn Ihr bitte eintreten würdet!« Condan erschien, und Amanda war froh, dass die Warterei endlich ein Ende hatte.

Sie wurde in einen ähnlichen Raum geführt, wie sie ihn bereits nach ihrer Ankunft gesehen hatte: weiß, neutral und fast leer.

Die scheinen hier über viel Platz zu verfügen, wenn sie derart verschwenderisch damit umgehen können,ging es ihr durch den Kopf.

In der Mitte des Zimmers konnte sie ein Podest erkennen, auf dem ein goldenes Gefäß, eine Art Vase, stand. Gierige Flammenzungen flackerten heraus. Bréanainn stand neben dem Podest und lächelte süffisant. Condan deutete ihr höflich an, näherzukommen. Er wirkte zuversichtlich und wohlwollend, und Amanda freute sich, wenigstens einen Verbündeten gegen Bréanainn zu haben. Dessen arrogante Art missfiel ihr, und sie spürte ihren Groll gegen ihn wieder wachsen.

»In diesem Gefäß lodert eine ›ewige Flamme‹, wie Ihr selber sehen könnt. Aber es befindet sich zudem noch ein wertvolles Schmuckstück darin. Eure Aufgabe ist es nun, dieses herauszuholen.« Amanda schaute ungläubig zu Condan hinüber. Meinte er das ernst?

»Seid Ihr bereit, die Prüfung ›Feuerzauber‹ anzunehmen?«, fragte er ruhig weiter. Er meinte es anscheinend ziemlich ernst. Immerhin war er so höflich, ihr eine Wahl zu lassen zwischen gesundem Ablehnen oder schmerzhaftem Verbrennen. Sie schluckte merklich, spürte das viele Wasser in ihrem Magen gluckern und wünschte sich, dieses auf das Feuer speien zu können. Dann wäre die Sache hier blitzschnell ausgestanden. Die Flammen loderten listig in einem Farbspektrum aus gelb, orange und rot. Ihre Mutter hätte sicherlich ihre helle Freude daran. Sie blickte hinein, um die Position des Schmuckstücks zu erkunden. Was sie entdeckte, überraschte sie: Es war eine genaue Kopie ihrer Zeichnung aus der Schule. Der Anhänger war in Silber angefertigt, mit einem schwarzen Edelstein in Form eines Tropfens, an einer silbrigen Kette. Damit hätte sie jetzt nie und nimmer gerechnet, obwohl sie sich mittlerweile schon über gar nichts mehr wunderte. Eine Frage dazu verkniff sie sich trotzdem, denn hier wurden Fragen immer nur mit absurden Gegenfragen beantwortet. »Wie gut ist Euer geschichtliches Wissen?« Blöde Frage. Was würden sie ihr jetzt wohl antworten?

Die Hitze war recht stark und holte sie wieder in die Gegenwart, indem sie aufdringlich ihre Haut streichelte. Amanda trat einen Schritt zurück. Das war keine Prüfung, das war der pure Wahnsinn! Nein, sie hatte wirklich keine Lust, sich die Hand oder noch mehr zu verbrennen. Die beiden mussten doch verrückt sein!

»Nun?« Bréanainn wartete lauernd auf ihre Ablehnung. Amanda konnte deutlich seine Verachtung spüren. Er wirkte wie eine zufriedene Katze, die wusste, dass die Maus in der Falle saß, und die ihr Spiel mit dem hilflosen Opfer weidlich auskostete, bevor sie ihm genüsslich den Kopf abbiss.

»Keine Sorge. Euch kann nichts passieren. Nur Mut!« Das musste Condan gewesen sein, der sich telepathisch bei ihr einschlich. Amanda sah zu ihm rüber und bemerkte, dass er sich möglichst gleichgültig gab. Versuchte er sie aufzumuntern? Oder lockte er sie gar in eine Falle? In eine ziemlich heiße und fiese Falle.

Wie konnte sie ihm nur vertrauen? Wie sollte denn jemand seinen Arm da hineinstecken können ohne schwerste Verbrennungen zu erleiden?

Sie wagte gar nicht erst darüber nachzudenken, dass ihr Gehirn in einem Glashaus lag. Sichtbar für jedermann, Schilder mit »Betreten verboten« aufzustellen wäre vergeblich.

»Und, seid Ihr bereit?«, wiederholte Condan seine Frage.

Amanda überlegte noch. Das war die Stelle, an der man Nein sagen sollte, um hoffentlich schnell wieder in seinem Haus aufzutauchen und alles zu vergessen. Oder aber, man machte diese Verrücktheit mit, vertraute wildfremden Menschen und verbrannte sich bis auf alle Lebzeiten. Gebrandmarkt auf ewig.

»Hm … tja … ähm … ja?« Amanda traute ihren eigenen Worten nicht mehr. Könnte man das zurückspulen? Hatte sie tatsächlich Ja gesagt? Warum? Eine Begründung lieferte ihr Gehirn nicht mit. Mit Genugtuung nahm sie stattdessen die leichte Veränderung in Bréanainns Gesicht wahr.

»Ist das eine Frage oder eine Meinungsäußerung?«, gab er großspurig von sich.

»Ja, ich bin bereit!«, erwiderte sie schon wesentlich sicherer. Sie würde es diesem Bréanainn zeigen. Wie, das wusste sie allerdings nicht. Wahrscheinlicher war wohl, dass sie sich furchtbar verbrennen und gleichzeitig blamieren würde.

»Schön. Nichts anderes habe ich von Euch erwartet. Möge die Prüfung also beginnen!«

Bréanainn verschränkte die Arme und ließ Amanda keine Sekunde unbeobachtet. Condan hatte ihr gesagt, dass ihr nichts passieren könne. Durfte sie ihm glauben?

»Darf man das Gefäß zerschlagen?«

»Nein, darf man nicht. Man muss es sich verdienen.« Amanda ärgerte sich über den Unterton in Bréanainns Stimme.

Na warte,dachte sie wütend. Feuer brauchte Luft zum brennen, gut, die war vorhanden. Aber auch eine Grundlage. Sie hatte nur die Kette gesehen, kein Holz oder Sonstiges. Vielleicht eine Brennflüssigkeit? Aber sie roch keine Chemikalien. Allerdings war sie kein Experte auf diesem Gebiet. Eigentlich gab es nur die Flammen. Was sollte sie daraus schließen? Ewige Flamme, Feuerzauber hatte Condan gesagt … und wenn es sich hierbei um ein magisches Feuer handeln würde? Ewig konnte doch nichts brennen. Vielleicht war das aber auch nur so eine Floskel? Mit magischen Feuern kannte sich Amanda definitiv nicht aus. Sie seufzte. Es half alles nichts, sie musste sich zu einer Entscheidung durchringen. Alles oder nichts. Bedächtig krempelte sie den Ärmel ihrer Bluse tiefer. Diese bestand aus Baumwolle; zu diesem Thema hätte ihr Vater garantiert etwas beisteuern können. Aber so wie die Dinge nun lagen, musste sie das hier alleine durchziehen. Vielleicht würde die Bluse auch gar nicht so schnell Feuer fangen? Sie musste einfach ziemlich flink sein. Rein und wieder raus. Und wenn ihr Ärmel Feuer fing? Gab es hier wenigstens etwas zum löschen? Sie drehte sich langsam um. Nichts anderes stand in diesem Raum. Den rechten oder den linken Arm? Auf welchen könnte sie vorübergehend eher verzichten? Die medizinischen Errungenschaften waren heutzutage bereits ziemlich gut fortgeschritten, aber sollte sie es tatsächlich wagen, dieses Risiko einzugehen, um Bréanainn eins auszuwischen? Was würde ihre Mutter zu all dem sagen? Zudem musste die Kette inzwischen recht heiß sein, wenn sie die ganze Zeit im Feuer lag. Sie würde sich doppelt verbrennen. Ein sehr dicker Seufzer verließ ihren Körper.

Warum mache ich überhaupt bei solch einem Blödsinn mit?

Bisher hatte sie es immer geschafft, sich aus irgendwelchen Mutproben herauszuhalten. Noch nicht einmal beim Ladendiebstahl, der in ihrer ehemaligen Schule ein beliebter Zeitvertreib gewesen war, hatte sie mitgemacht, und jetzt das hier.

Ich bin noch verrückter als die beiden zusammen. Und obendrein auch ziemlich blöd! Das müssen die Hormone sein, die Pubertät, stöhnte sie innerlich auf. Sie zögerte einen Moment, betrachtete erneut ihre Finger, verabschiedete sich innerlich von ihnen, sah sie bereits in dicken Verbänden und griff dann beherzt hinein. Amanda biss die Zähne zusammen, wartete auf die Schmerzen, hatte schon einen Schrei parat … kaum hatte sie den Schmuck erfasst, zog sie ihren Arm blitzartig heraus. Sie wollte die Kette bereits loslassen, hielt sie aber noch verwundert fest und schmiss sich stattdessen auf den Boden, um die Flammen an ihrer Bluse zu ersticken. Amanda wälzte sich hektisch hin und her, bis sie bemerkte, dass die weiße Bluse keinerlei Brandspuren aufwies und die Kette ihr kein Loch in die Hand gebrannt hatte.

»Amanda, geht es Euch nicht gut?« Condan starrte verwundert auf den zu seinen Füßen zappelnden Körper. Bréanainn kicherte leise, versuchte sich aber sofort wieder unter Kontrolle zu bekommen, als er Condans missbilligenden Blick sah. Die Flammen zuckten munter weiter im Takt ihres feurigen Tanzes, oder lachten sie Amanda am Ende gar aus? Condan streckte ihr seine Hand entgegen, welche sie in ihrer ersten Verwirrung gerne annahm, und zog sie hoch. Perplex betrachtete sie ihre Hand, ihre Finger. Sie hatte nicht die kleinste Verbrennung, aber es war ihr gelungen, den zweiten Teil ihrer Prophezeiung zu einhundert Prozent zu erfüllen: Sie hatte sich mächtig blamiert! Was musste das gerade für ein peinliches Bild abgegeben haben? Bréanainn bemühte sich weiterhin, die Fassung zu wahren, aber in seinen Augen funkelten alle Lacher dieser Welt.

Wie war das alles nur möglich?

»Exzellent! Ihr habt die Prüfung bestanden. War gar nicht schwer, oder? Bréanainn, was sagst du jetzt?«

»Abwarten. Es ist noch nicht zu Ende«, brummte er und hatte seine finstere Mimik erneut gefunden.

»Wie … warum? Fertig? Oder nicht fertig?«, faselte Amanda verwirrt. Was sollte denn jetzt noch kommen?

Condan lächelte. »Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen, Amanda. Bei dieser Prüfung ging es uns darum zu sehen, ob Ihr bereit seid, den Dingen auf den Grund zu gehen, auch wenn Ihr glaubt, alles mit einem Blick bereits erfasst zu haben. Das Feuer ist lediglich eine perfekte Illusion gewesen.«

»Illusion? Ich habe die Hitze doch gespürt. Wie ist das möglich?«

»Nun ja, wir werden jetzt sicherlich nicht alle unsere Tricks verraten, aber Ihr gebt mir ein gutes Stichwort: Tricks, Illusionen, nennt es wie Ihr wollt. In der Realität gibt es immer wieder Momente, in denen die Wahrheit verschleiert wird. Aber der Wahrheit zu dienen und ihr auf den Grund zu gehen ist unsere oberste Priorität. Und was die Kette betrifft … wir haben Eure Idee realisiert. Ich hoffe, sie gefällt Euch. Ihr habt sie Euch redlich verdient.«

»Danke«, mehr wusste sie nicht zu erwidern.

Mit seinen Erklärungen hatte Condan zwar einiges gesagt, aber keine echten Informationen preisgegeben. Garantiert würde er ihr »seine« Tricks nie erläutern.

Amanda war trotz der Blamage stolz auf sich, und Bréanainns Verstimmung gefiel ihr außerordentlich.

»Wollen wir?«, entgegnete Bréanainn ungeduldig.

»Was meint er?«

»Nun ja, aller guten Dinge sind drei. Es warten noch zwei weitere Prüfungen auf Euch.«

»Noch welche?« Amanda fühlte wieder die Schmetterlinge flattern. Sie hatte sich eindeutig zu früh gefreut.

»Die nächste Prüfung können wir aber gleich hier abhalten. Keine Sorge, es tauchen keine magischen Feuer mehr auf«, erklärte Condan lächelnd.

Amanda versuchte ebenfalls zu lächeln, aber es schaute eher so aus, als ob sie auf eine Zitrone gebissen hätte. Eine ziemlich saure Zitrone. Ein typischer Fall von Pleonasmus, würde jetzt ihr Lehrer sagen, was Amanda momentan aber auch ziemlich egal war.

»Dieses Mal ist es eine Denksportaufgabe, sie lautet wie folgt: Ein Mann sagt zu einem anderen: ›Ich werde dir eine Frage stellen, auf die es eine eindeutig richtige Antwort gibt - entweder Ja oder Nein - aber es wird dir unmöglich sein, meine Frage zu beantworten. Möglicherweise wirst du die richtige Antwort kennen, aber du wirst sie mir nicht geben. Jeder andere könnte die Antwort liefern, wenn er sie wüsste, du aber nicht‹. Und nun zur Frage, die Ihr beantworten sollt: Wie lautet die Frage, die der Mann seinem Gegenüber stellen wird?«

»Stellen Sie mir nicht zuerst die Frage, ob ich die Prüfung annehme?«

»Ihr habt die ganze Prüfung bereits mit der ersten Aufgabe angenommen. Alles oder nichts. Es gibt kein ›vielleicht‹ im Leben. Ich stelle nun diese Sanduhr auf. Wenn der Sand durchgerieselt ist, müsst Ihr uns die Antwort geben.«

Amanda fühlte sich hintergangen. Dieser ausgebuffte Condan. Nun denn, sollte der sich auch noch wundern! Ihr Kampfgeist war jedenfalls geweckt. Hm, was für eine Frage konnte der Mann da bloß stellen? Die richtige Frage sollte sich finden lassen können.

»Können Sie es bitte wiederholen?«

»Sicher.« Am liebsten hätte ihn Amanda die Aufgabe wieder und wieder aufsagen lassen, denn ihr fiel nichts ein. Gar nichts. Es musste irgendeinen Trick bei dieser Frage geben. Sie mochte Rätsel dieser Art überhaupt nicht. Der Sand rann unbeirrt Körnchen für Körnchen hindurch. Eine Sanduhr, pah, genauso verstaubt wie Condans Sprache. Wie viel Zeit mochte ihr wohl noch bleiben? Ein paar Minuten schätzte sie, allerhöchstens. Sie durfte nicht trödeln.

Denk nach, Amanda, befahl sie sich streng und legte ihre Stirn in verzweifelte Falten. Es kann nichts weit hergeholtes sein, eine einfache Frage, so viel steht fest. Es sind immer einfache Fragen … hm, wie wäre es mit »Liebst du mich?«. Ach quatsch, es handelt sich um zwei Männer … obwohl … nein, nein, es wird etwas anderes sein. »Bin ich schon tot?« Hm, nein, auch nicht. Die Frage muss derart gebaut sein, dass der Befragte sie nicht beantworten kann, obwohl er die Antwort darauf weiß. Amanda schielte zur Seite und konnte Bréanainns vergnügter werdendes Gesicht betrachten. Wie wäre es mit: »Bin ich hier?« Nein, geht auch nicht, das kann ich mit Ja beantworten. Oder: »Bin ich blöd?« Amanda grinste. Diese Frage kann ich eindeutig mit einem riesigen Ja beantworten. Herrje, der Sand! Amanda starrte ungläubig auf die Körnchen. Waren das wirklich schon die letzten gewesen? Mist!

»Die Zeit ist abgelaufen. Nun, habt Ihr die Frage gefunden?« Condan wirkte weiterhin selbstsicher. Warum glaubte er an sie?

»Ich … ähm … weiß nicht.« War das peinlich, so zu stottern. Ohne ein Wunder würde sie sich gleich wieder mächtig blamieren.

»Du musst jetzt antworten!«, mischte sich Bréanainn ein.

Amanda schaute von einem zum anderen. Sie knetete die Finger zusammen, knickte sie, bis die Knöchel herauszuplatzen drohten, entspannte sie und umklammerte die Kette, um bei ihr Halt zu finden. Fieberhaft suchte sie nach einer Antwort, beziehungsweise nach der Frage.

Ich brauche eine Idee, schnell, bitte, flehte sie innerlich.

»Amanda, werdet Ihr mir antworten?« Condans Mundwinkel zuckten.

Er will nicht, dass ich versage. Ich darf auch nicht versagen! Irgendetwas an der Art und Weise, wie Condan sie aufforderte, brachte sie zum Nachdenken. Sie stutzte, weil sich ihr plötzlich eine Idee aufdrängte.

»Wirst du mir mit Nein antworten?«, sprudelte es aus ihr heraus. Amanda hatte die Frage impulsiv hinausposaunt, ohne weiter darüber nachzudenken. An den Reaktionen konnte sie jedoch erkennen, dass sie ins Schwarze getroffen hatte: Condans Erleichterung war ihm sichtlich anzusehen, und in Bréanainn stieg merklich die Wut hoch. Er schnaubte ärgerlich aus und seine Nasenflügel blähten sich auseinander. Aber er brachte seine Gefühle schnell wieder unter Kontrolle. Amanda gefiel es, ihn zornig zu sehen.

Sie ging in Gedanken ihre Frage noch einmal durch. War das wirklich die richtige Antwort gewesen?

Der eine Mann fragte den anderen: »Antwortest du mir mit Nein?« Ein anderer könnte ihm die Antwort geben. Er hingegen nicht, denn wenn er mit Nein antworten würde, hätte er zwar mit Nein geantwortet, gleichzeitig aber festgehalten, dass er nicht mit Nein antworten würde, was ja einen Widerspruch bedeutete. Klang zwar reichlich konfus und kompliziert, aber anscheinend war es zutreffend. Tatsächlich, das war die Lösung! Amanda strahlte.

»Ich hatte keinen Moment an Euren Fähigkeiten gezweifelt! Bréanainn, was sagst du nun?«

Bréanainn murmelte etwas Unverständliches und Amanda genoss ihren Sieg.

»Es ist noch nicht vorbei!«

»Ja, leider muss ich meinem Bruder recht geben. Allerdings denke ich, dass Ihr durchaus in der Lage sein werdet, auch die letzte Prüfung zu meistern. Dazu müssen wir uns aber in einen anderen Teil des Gebäudes begeben. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt.«

Amanda zog sich stolz die Kette über und ging munter hinterher. Sie war über ihren Schatten gesprungen und hatte ihre Angst von der Feuertaufe vergessen. Und schließlich der Einfall mit der Frage … sie war rundherum zufrieden mit sich. Der Erfolg beflügelte sie regelrecht und langsam fing das Ganze an, richtig Spaß zu machen.

Kurz darauf bestiegen sie einen merkwürdigen, versteckten Aufzug, dessen Anzeige mit eigenartigen Symbolen statt mit Zahlen versehen war. Er bewegte sich unauffällig und leise, Amanda konnte nicht sagen, ob sie nach oben oder unten fuhren. Als der Lift wieder zum Stehen kam und sich die Tür öffnete, fielen Amanda bei dem Anblick, der sich ihr offenbarte, beinahe die Augen aus dem Kopf. Sie hatte mit einem anderen weiß gehaltenen Raum gerechnet, einem Gang mit Bildern, irgendetwas Identischem, aber was sie zu sehen bekam, ließ sie erschaudern: Sie befanden sich in einer Höhle. Einer riesigen Höhle. Sie konnte etliche Gänge erkennen, die aus der imposanten Mitte ihre Fühler ausstreckten. Die Höhle war hoch, vielleicht an die zehn Meter, und der mittlere Teil war ungefähr dreißig Meter breit. Wie tief mochten sie wohl unter der Erde sein? Bodenlampen, deren Licht die Höhle von unten beleuchtete, spielten mit den gelblich braunen, teilweise grünen Farben der Gesteine. Sie konnte die Kälte der alten Steine bis in den Aufzug hinein spüren und weigerte sich zunächst, mit den anderen hinauszugehen. Mächtige Stalaktiten und Stalagmiten, geschaffen in der Unendlichkeit der Zeit, bildeten bizarre Formen und Gebilde. Amanda fröstelte. Bréanainn registrierte ihre Furcht mit Vergnügen. Ihre Zuversicht wich, und der Argwohn beschlich sie, dass die zwei nicht so harmlos waren, wie sie schienen.

»Es verschlägt mir jedes Mal die Sprache und ich versinke in Demut und Bescheidenheit, wenn ich diese Schönheit der Natur betrachte«, begann Condan. »Wenn man bedenkt, wie viele Millionen Jahre vergehen müssen, bis steter Tropfen auf Tropfen eine so riesige Formation entstehen lassen kann. Was für eine Rolle besitzt da noch die Zeit? Klein und unbedeutend komme ich mir daneben vor. Ich werde nicht mehr sein, wenn die Gesteine wachsen, aber jemand anders wird sich an ihrer neuen Form erfreuen. Kommt nur und seht sie Euch genauer an. Es ist wunderschön! Jedes Gebilde trägt einen Namen. Das hier heißt zum Beispiel ›die Schwiegermutter‹. Witzig, nicht wahr?«

Amanda runzelte die Stirn und äugte aus dem sicheren Fahrstuhl. Mit viel Fantasie konnte man in der Formation vielleicht eine sitzende rundliche Frau mit einem Dutt erkennen. Aber daraus gleich eine Schwiegermutter zu machen … sie wusste nicht so recht.

»Kommt, kommt und seht Euch die Schönheit an!«

Amanda verließ den Aufzug nur ungern und zitterte.

»Dies ist ein Ort, der unserer Seele mithilfe der Meditation hilft, wieder neue Energien zu sammeln. Er ist streng geheim und anderen nicht zugänglich.«

Den Süden Englands durchzogen einige Höhlenlandschaften, überlegte sie. Auch heutzutage wurden immer wieder neue Höhlensysteme entdeckt, aber diese sollte ja geheim sein … vielleicht war sie gar nicht so geheim, und einige Forscher kannten sie bereits? Dann kämen hier vielleicht auch andere Menschen hin. Amanda schöpfte wieder vage Hoffnung.

Beide überblickten das Terrain, während Amanda sich nicht von der Nähe des Aufzugs trennen wollte. Es war still hier unten, und die Worte hallten ungebremst von einer Wand zur anderen. Kein Lufthauch, kein Sonnenlicht, kein Ausgang. Einzig und allein ein leises Plätschern etwas weiter entfernt hauchte der Höhle Leben ein, aber die Starrheit der Gesteine erschreckte sie. Alles wirkte tot und leer. In diesem Moment hätte Amanda nichts gegen das Zirpen der Grillen oder Summen der Bienen gehabt, gegen einen Regenguss, einen Autobus oder sonst irgendetwas, was lebendig war, hüpfte, knatterte, quiekte, rasselte oder brüllte.

»Was für eine Prüfung muss ich denn hier machen?« Ihre Stimme klang weit entfernt, und längst war die Freude gewichen, die sie vorhin noch empfunden hatte.

Condan wandte sich ihr zu. Wie aus dem Nichts hielt er plötzlich eine Rolle in der Hand, welche in etwa die Größe ihres Armes hatte und mit seltsamen Ornamenten bemalt war. Sie glänzte in grünen und goldenen Tönen und schien sehr kostbar zu sein. Zudem war sie versiegelt. Das rote, dick gewordene Wachs verstopfte die Öffnung.

»Diese Prüfung nennt sich ›Hundert Wege‹. In dieser Rolle befindet sich ein wertvolles Dokument. Eure Aufgabe besteht nun darin, sie wieder an ihren angestammten Platz zu bringen. Ihr dürft aber auf keinen Fall das Siegel brechen oder, was noch schlimmer wäre, die Rolle verlieren. Nicht auszudenken, was dann passieren würde. Bei Missachtung unserer Gesetze drohen harte Strafen, Amanda. Lasst die Rolle keinen Moment aus den Augen!« Diese Drohung war eindeutig und bereitete Amanda große Sorgen.

Hundert Wege, das hörte sich zudem gar nicht gut an. Gab es hier etwa hundert Möglichkeiten herumzuirren?

Bréanainn genoss ihre Angst sichtlich und stellte sich breitbeinig vor ihr auf.

»Sehr harte Strafen«, fügte er hämisch hinzu.

»Ihr werdet durch die Höhle laufen müssen. Der Weg ist markiert.«

»Und wo ist da der Haken?«

Bréanainn grinste. Er ließ es sich nicht nehmen, für Condan zu antworten.

»Vielleicht wartet die eine oder andere Überraschung auf dich.«

Amanda schwieg. Was wäre, wenn sie sich verlaufen würde und dann nicht mehr aus der Höhle herauskäme? Hundert Wege … sie wäre hier gefangen bis in alle Ewigkeiten! »Spurlos verschwunden, wo ist meine Amanda?«, sah sie bereits die Schlagzeile. Nie würde ihre Mutter erfahren, was mit ihr geschehen ist. Sie stellte sich ihre Mutter vor. Ergraut und vor Schmerz und Kummer gebeugt. Niemand würde sie hier unten vermuten. Ihre Chancen, gefunden zu werden, lagen bei minus null Komma null null null. Sie durfte den beiden nicht über den Weg trauen. Condan hatte sie zwar bisher gut behandelt. Aber Bréanainn? Der würde dafür sorgen, dass sie hier verrottete, bis in alle Ewigkeit. Und die Ewigkeit war recht lang. Oder sie verlief sich, und selbst die zwei konnten sie dann nicht mehr finden? Vielleicht würden sie den telepathischen Kontakt einfach kippen und sie im Stich lassen? Vielleicht ging aber auch das Licht aus, und sie stände im Dunkel da? In dieser ewigen, schwarzen Nacht. Bei Höhlen konnte man nie genau wissen. Oder sie würde in einen unterirdischen See plumpsen und darin ertrinken, weil dieser mit Treibsand anstatt mit Wasser gefüllt war, oder …

»Wollen wir beginnen?«

»Wir«, fluchte Amanda, »was denn für ein ›wir‹? Wollt ›ihr‹ etwa auch mitmachen?«

Bréanainn lachte und winkte ab.

»Nein, danke. Ist mir viel zu gefährlich! Aber du kannst immer noch ablehnen, und dann bist du umgehend wohlbehalten wieder zu Hause.«

Dieser Kerl war einfach zu unverschämt! Zwei Prüfungen hatte sie bereits bestanden, und in ihrem Kopf tobte ein heftiger Kampf. Ja oder Nein?

»Ihr müsst diese Prüfung auch machen. Denkt daran, alles oder gar nichts«, ermunterte sie Condan.

Der eine sagt, ablehnen möglich, der andere verneint … einig sind sie sich ja nicht gerade, dachte sie. Sie werden dir schon nichts tun und bisher hast du deine Sache gut gemacht, kneif jetzt nicht, spornte Amanda sich an.

Auf der anderen Seite überlegte sie, dass sie kaum Vertrauen zu ihnen fassen konnte. Sie kannte sie nicht. Vertrauen musste man sich erst einmal verdienen. Condan war zwar nett, aber Bréanainn … der konnte sie einfach nicht leiden, so viel stand fest. Und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Ihm den Gefallen zu erweisen und einfach zu verschwinden … das wollte sie Bréanainn irgendwie wieder nicht gönnen.

»Nun, Amanda?«

»Geben Sie schon her!«, schnaubte sie.

Condan lächelte ihr aufmunternd zu.

»Es wird schon alles gut gehen. Ganz bestimmt! Der Weg ist mit roten Pfeilen markiert. Viel Erfolg! Da geht es los!«

Amanda schüttelte ungläubig den Kopf, weil sie sich selbst nicht erkannte. Condan übergab ihr die Rolle und sie wunderte sich über das Gewicht derselben, da sie sehr leicht war.

»Und die Überraschungen?«

»Was macht es für einen Sinn, diese zu verraten? Dann wären es ja keine Überraschungen mehr«, erwiderte Bréanainn trotzig.

Amanda seufzte und begab sich mit einem mulmigen Gefühl auf den Weg.

Einen Schritt nach dem anderen, machte sie sich Mut. Ihre Entschlossenheit bereitete ihr zunehmend Sorgen. Einmal drehte sie sich noch um: Condan nickte ihr freundlich zu, während Bréanainn gelangweilt gähnte. Dieser Kerl war unmöglich!

Die roten Pfeile waren sehr gut zu erkennen und Amanda konzentrierte sich genau auf ihre Umgebung. Sie fragte sich, worin der Reiz bei dieser Aufgabe liegen sollte, wenn man nur einem markierten Weg zu folgen hatte. Das konnte wahrlich nicht schwer sein. Argwöhnisch betrachtete sie die vielen Nischen und überlegte, ob dort jemand herausspringen würde, um sie zu erschrecken. Aber nichts dergleichen geschah. Nun musste sie einen der Gänge betreten und die einigermaßen sichere große Halle verlassen. Mit einem unguten Gefühl ging sie den beleuchteten Pfad entlang. Es geschah nichts und Amanda gewann ein wenig an Zuversicht. Ihre Schritte wurden von den Felsen verschluckt und bald hatte Amanda das Gefühl, von den Steinen umzingelt und ihre Gefangene zu sein.

Irgendwann kam sie an eine Kreuzung, an der beide Gänge mit einem roten Pfeil markiert waren.

»Das gibt’s nicht! Und welchen soll ich nun nehmen?« Ihre Stimme hallte laut an den feuchten Wänden wider und sie erschrak.

»Was nun?«, flüsterte sie. Die Gänge wirkten vollkommen identisch.

»Na, was soll’s. Nehme ich halt den rechten. Wenn die Wege fair gekennzeichnet sind, ist es egal, hoffe ich zumindest.«

Misstrauisch betrat sie den Gang. Er war schmaler als die vorhergehenden. Teilweise musste sie gebückt laufen. War Amanda eben noch optimistisch, wurde sie zunehmend beunruhigter. Vorsichtig klammerte sie die Rolle an sich und ging weiter. Das elektrische Licht von der großen Halle wechselte nun auf altmodische Fackeln. Manchmal kam Amanda der Hitze des Feuers ziemlich nahe und konnte dessen Wärme spüren. Sie legte es aber nicht darauf an, zu überprüfen, ob diese Flammen echt waren oder nur eine Illusion. Bald wurden die Abstände zwischen den Fackeln größer und Amanda musste ihre Augen immer öfter zusammenkneifen und angestrengt nach vorne schauen, um sich ein Bild von der Lage machen zu können. Hier sah alles mehr oder weniger gleich aus. Gleich eintönig, gleich felsig. Es roch auch etwas strenger durch die Fackeln, was Amanda jedoch kaum beachtete.

»Was haben die mit Überraschungen gemeint? Etwa falsche Wege? Hätte ich vielleicht nach links gehen sollen?« Sie konnte immer noch nichts Verdächtiges ausmachen und wusste nicht, ob sie sich darüber freuen sollte oder nicht.

Mit der Zeit musste sie die Rolle immer öfters von einem Arm zum anderen wechseln. Irgendwie erschien es ihr, als ob diese immer schwerer wurde, je länger sie sie trug. Beim Eintritt in den nächsten Abschnitt war sie sich sicher. Die Rolle wurde schwerer! Sie konnte sie nur noch mühsam tragen und keuchte in einem fort. Obwohl es hier unten relativ kühl war, schwitzte sie. Keine Position war ihr auf Dauer angenehm und der kostbare und sperrige Gegenstand nervte sie allmählich!

»Wie kann es sein, dass das Ding immer schwerer wird? Was haben die mir da reingepackt?«, fluchte sie laut und erschrak über ihr eigenes Echo.

Sie wagte nicht hineinzuschauen, weil Condan mit einer harten Strafe gedroht hatte, mit der sie nicht Bekanntschaft machen wollte. Aber ihre Neugier wuchs proportional zum Gewicht der Rolle. Irgendwann gelangte sie in einen Abschnitt mit einer gewölbten Decke, zerklüftet und schlecht ausgeleuchtet. Überall lagen verstreut kleine Felsbrocken, als ob diese nach einem Würfelspiel liegen geblieben wären. Amanda würde auf dem schmalen Weg, der ihr zwischen den Steinen noch blieb, ihre liebe Mühe haben mit der schweren Rolle. Aber das war nicht das einzige Hindernis: Auf ihrem geschlängelten Pfad kam sie zeitweise einem Abgrund bedrohlich nahe. Amanda konnte nicht bis zum Grund des undurchdringlichen schwarzen Lochs blicken. Dieser große, gähnende Schlund verschluckte unbarmherzig das kümmerliche Licht und schien unersättlich zu sein. Auf jemanden wie sie wartete er bestimmt freudig. Amanda hatte die starke Assoziation an ein schwarzes Loch im Universum. Vielleicht suchte man viel zu weit entfernt nach diesen Löchern? Anscheinend lauerten diese hier überall auf Schritt und Tritt.

»Wie soll ich dieses Ungetüm nur schleppen und dabei das Gleichgewicht halten?« Zögernd setzte sie zum ersten Schritt an. Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr. Ihr Herz trommelte hektisch und ihr war heiß und kalt zugleich. Sie fühlte sich alleine und verlassen von der Welt und besaß nicht einmal die Kraft, um über ihre eigene Dummheit zu schimpfen, da der Weg und die Rolle ihre Aufmerksamkeit vollkommen in Beschlag nahmen. Im Schneckentempo ging es vorwärts. Amanda zog die Rolle langsam und vorsichtig über den Boden, dabei versuchte sie sich so eng wie möglich an der Wand zu halten. Die Kälte des Gesteins wirkte unfreundlich, als ob die Wand sie abstoßen wollte. Der Weg war nicht sonderlich lang, nach vielleicht zehn Metern würde sie am sicheren Ende angelangt sein. Zentimeter für Zentimeter ging es vorwärts. Ihr Blick beschränkte sich auf den Pfad, die schreckliche Leere zu ihrer linken Seite wollte sie tapfer ignorieren. Ständig wurden ihre Handflächen nass, sodass sie diese öfters an ihrer Kleidung vorsichtig abtrocknete, immer darauf bedacht, nicht das Gleichgewicht oder die Rolle zu verlieren. Ihre Fußsohlen brannten und erinnerten sie an den Spaziergang in der Nacht. Endlich rückte das Ende näher, und sie sehnte sich nach einem Moment der Ruhe, in dem sie sich für einen Augenblick hinsetzen könnte. Noch vier Schritte, noch drei … die Minuten vergingen furchtbar langsam, aber als sie zum letzten Schritt ansetzte, war ihre Erleichterung unendlich groß. Sie verschnaufte kurz, ging noch einige Schritte weiter, bis sie ganz sicher sein konnte, nicht in die Tiefe zu rutschen. Ihre Arme taten weh und sie machte ein paar Lockerungsübungen, um sich dann auf den Boden sinken zu lassen. Stefanies Biss schmerzte wieder und sie fühlte jeden einzelnen Muskel in ihrem Körper. Erschöpft und erleichtert zugleich klammerte sie sich an die Rolle und lächelte. Wenn ihr heute Morgen einer gesagt hätte, dass sie zur unglaublichsten Prüfung ihres Lebens antreten würde, hätte sie ihn wohl für verrückt erklärt und dieser Person dringend geraten, schleunigst die nächstbeste Psychiatrie aufzusuchen.

Ein Schrei durchbrach mit einem Mal die Stille. Amanda fröstelte. Sie lauschte, und schon bald darauf konnte sie den Schrei erneut hören. Was hatte das nun wieder zu bedeuten?

Das klingt nach einem Kind, durchfuhr es sie. Es musste ganz in ihrer Nähe sein. Ein Kind? In dieser Höhle? Wahrscheinlich hatte sie sich verhört, aber um sicher zu sein, musste sie es überprüfen. Allerdings konnte sie mit der Rolle nicht auf die Suche gehen.

»Hm, die Rolle oder das Kind? Ach was!«

Es würde ihr schon nichts passieren, sagte sie sich. Stehlen konnte sie hier garantiert keiner, dabei grinste sie, und sie würde sich auch beeilen, gleich wieder zurückzukommen. Bald fand sie eine Stelle, an der sie die Rolle deponieren konnte, vergewisserte sich mit einem Blick, dass alles in Ordnung war und ging los.

Schnell entdeckte sie ein kleines Bündel. Es lag auf einem sehr schmalen Felsvorsprung, eine Bewegung zur Seite, und das Bündel würde in die Tiefe stürzen.

»Das gibt’s nicht! Das ist ja ein Baby!«, rief sie entsetzt aus. Amanda konnte den rosigen Kopf des Säuglings erkennen. Seine kleinen Händchen strampelten zornig im Takt mit den Füßen. Es war in eine Decke gewickelt, die sich immer mehr und mehr öffnete.

»Wenn sich das Kleine weiter so bewegt, fällt es hinunter!«

Ohne weiter zu zögern robbte Amanda zum Vorsprung.

»Die können doch nicht das Leben eines Babys riskieren! Die sind wahnsinnig!« Wut kroch in ihr hoch, und sie beeilte sich näherzukommen.

»Vielleicht ist das auch wieder nur so eine Täuschung? Bitte lass es nicht echt sein! Pst, es wird alles gut. Ich bin gleich da!«

Endlich gelangte sie zu dem Baby. Das Kind war tatsächlich real. Sie streckte sich und tätschelte ihm die Wangen. Es war ein Junge, und er hörte nicht auf zu brüllen.

Mit beiden Händen packte sie ihn und schob sich Stück für Stück rückwärts. Sanft zog sie ihn mit der Decke über den Boden. Das Geschrei irritierte sie, aber sie versuchte darüber hinwegzuhören. Es erinnerte sie an die Zeit, als Ian noch klein war. Damals hatte sie eifersüchtig beobachten müssen, wie ihre Eltern die Aufmerksamkeit zwischen Ian und ihr aufteilten. Plötzlich war Amanda nicht mehr die Prinzessin und alleiniger Mittelpunkt der Familie. Ian war ein unruhiges Kind gewesen, und so zog sich Amanda nach einer Weile vollständig zurück, um niemanden mehr an sich heranzulassen. Die Bemühungen ihrer Eltern, ihre Gunst zurückzugewinnen, quittierte sie mit Wohlbefinden und Genuss. Bewusst blieb sie eine ganze Weile in ihrem Schneckenhaus versteckt. Aber eines Tages gelang es ihr schließlich, Ian nicht mehr als Bedrohung anzusehen.

Sie schaffte es, unbeschadet mit dem Kleinen wieder auf sicheres Terrain zu kommen. Bald wiegte sie das Kind im Arm und summte eine kleine Melodie. Ihre Arme zitterten, aber sie war glücklich, dem Kleinen das Leben gerettet zu haben. Protestierend griffen seine Hände nach ihrer Kette.

»Aua! Nicht so stark! Die gefällt dir, was? Schon gut, du kriegst sie ja.«

Zufrieden über seine Beute hielt er die Kette fest und schlief bald darauf ein.

»Wie soll ich nur den Kleinen und die Rolle gleichzeitig schleppen? War das etwa die Überraschung? Die haben sie nicht mehr alle!«, schäumte sie wütend. Verstört gelangte sie zu dem Platz, an dem sie die Rolle deponiert hatte. Behutsam legte sie den Kleinen ab und hob die Rolle an. Jedenfalls versuchte sie es. Amanda wendete all ihre Kraft auf, aber alleine das Aufstellen der Rolle wäre eine Aufgabe der Unmöglichkeit gewesen. Keuchend blieb sie stehen. Die Rolle schien Tonnen zu wiegen und bewegte sich nicht von der Stelle.

»Nie im Leben kann ich die weiterschleppen. Schon gar nicht mit dem Baby! Unmöglich! Was haben die nur damit gemacht? Das war’s! Verloren, game over. Aber vielleicht gibt es ja einen Trick? Die lieben doch Tricks. Vielleicht sollte ich mal hineinschauen?« Amandas Finger glitten über das verführerische Siegel. Die Verlockung war groß, aber in ihren Ohren klangen die Worte von Bréanainn und Condan nach. Eine Strafe wollte sie sich wirklich nicht einhandeln.

»Welches Dokument kann ein derartiges Gewicht erreichen? Vielleicht ist das Dokument aber ganz leicht und nur die Rolle ist schwer?« Amanda grübelte laut weiter. Sie versuchte erneut, die Rolle zu stemmen, aber es ging nicht.

»Ach, was soll’s? Dann nehme ich halt das Dokument und lasse die Rolle hier.«

Entnervt durchbrach sie das Siegel. Im ersten Moment befürchtete sie einen Blitz oder sonst irgendetwas Dramatisches, was sie bestrafen würde, aber nichts dergleichen geschah. Amanda spähte hinein. Das Licht war nicht sonderlich gut, daher musste sie ihre Augen fest zusammenkneifen. Sie konnte nichts erkennen. Mit ihrem Arm tastete sie das Innere der Rolle ab, fand aber keinen Hinweis auf ein Dokument oder einen Gegenstand.

»Leer. Absolut leer! Die haben mich reingelegt!«

Allerdings war sie dem Rätsel, warum die Rolle an Gewicht zunahm, dadurch auch nicht nähergekommen. Grimmig wendete sie sich von ihr ab.

»Alles für nichts und wieder nichts!«

Amanda stand auf und ging ein paar Schritte umher. Was sollte sie nun machen? Die Rolle konnte man nicht transportieren, also würde sie lediglich das Baby nehmen. Ein Geräusch schreckte sie auf.

Etwas entfernt rutschte langsam, aber beharrlich, die Rolle in Richtung des Abgrunds. Amanda war sich sicher, die Rolle gut verstaut zu haben. Außerdem hatte sie sich eben überhaupt nicht vom Fleck bewegen lassen.

»Oh, Mist. Auch das noch!«

Die paar Schritte überwand sie schnell und versuchte die Rolle zu ergreifen. Nur wenige Zentimeter trennten diese noch von der Tiefe. Gleichzeitig musste Amanda aufpassen, nicht selbst mit hinuntergezogen zu werden. Sie warf sich der Länge nach auf den Boden und robbte auf die Rolle zu. Gerade wollte sie nach ihr greifen, als diese nach vorne kippte und polternd in der Dunkelheit verschwand. Irgendwann hörte sie den Aufprall, er klang dumpf, schwer und vor allem weit weg.

Sie spürte, wie eine Träne ihr die Sicht verschleierte. Ein dicker Kloß ließ die Worte in ihrem Hals verstummen. Eine Weile saß sie wortlos und müde da. Was würde Condan nun mit ihr machen? Die Rolle galt als Heiligtum und die Strafen waren hart. Es war eines, die Rolle hier zu lassen, sollten doch andere sie tragen, oder das Siegel zu durchbrechen, aber es war etwas anderes, sie vollständig zu verlieren. Auch wenn sie nicht verstand, was so Besonderes und Kostbares an dieser Rolle sein sollte, sie hatte versagt und deren Schatz verloren. Wenigstens hatte sie noch das Baby. Benommen rutschte sie wieder zurück und wollte sich dem Bündel zuwenden.

Ihre Augen weiteten sich vor Schrecken! Das Baby war verschwunden!

»Ein Säugling in einer Decke kann nicht einfach so davonlaufen!«

Sofort sprang Amanda auf und suchte alles im nahen Umkreis gründlich ab. Es bestand kein Zweifel: Die Rolle war verloren und das Baby blieb verschwunden. Gab es hier wirklich ein schwarzes Loch, welches alles und jeden einsaugte? Vergeblich suchte sie einen weiten Umkreis nach dem Kind ab. Dann setzte sie sich hin und weinte viele Tränen über den Verlust. Hatten sie tatsächlich ein Menschenleben geopfert? Da sie kein Taschentuch zur Verfügung hatte, wischte sie sich die Augen an ihrer Bluse ab. Sogar ihre Kette war futsch. Condan würde ihr die Geschichte nie und nimmer glauben. Aber vielleicht könnte er sie mithilfe der Telepathie überprüfen? Wie sie es auch drehte und wendete, ihre Hoffnungen blieben gering, unbeschadet aus dieser Prüfung herauszukommen. Sie konnte schon das höhnische Gelächter von Bréanainn hören. Irgendwie tat ihr das am meisten weh.

Mit hängendem Kopf folgte sie weiter den roten Pfeilen.

»Was soll’s? Ich werde ihnen alles erklären und hoffen, dass sie mir glauben. Sie müssen mir einfach glauben. Und die blöde Prüfung, ach, das war sowieso Schwachsinn! Wer will schon eine Auserwählte sein? Aber das Baby … die werde ich anzeigen! Die können keine Babys quälen!! Was hatte das überhaupt hier zu suchen? Eingesperrt gehören die!«, versuchte sie sich aufzubauen.

Bald darauf erkannte sie, dass der Pfad sie direkt wieder zu der ursprünglichen Halle zurückführte. Mit Bangen sah sie die beiden weiter vorne stehen. Sie schniefte und näherte sich ihnen schwankend, alles andere als aufrecht und stolz.

»Nun? Ich sehe die Rolle nicht. Wo ist sie, Amanda?«

Condan wirkte besorgt, Bréanainns Miene war versteinert.

»Ich … ich habe sie verloren.« Amanda vermied jeden weiteren Blickkontakt mit Bréanainn. Seine Genugtuung über ihre Niederlage konnte sie sich wirklich sparen.

»Verloren?!!«

Dann sprudelte es aus ihr heraus.

»Plötzlich war da das Baby, nahe am Abgrund. Ich habe es gerettet, und dafür musste ich die Rolle kurz zurücklassen. Als ich wieder zurückkam, konnte ich sie kaum aufheben. Das Ding wog Tonnen! Irgendwann entglitt sie mir und rutschte in Richtung Abgrund. Ich konnte sie nicht mehr erreichen. Als ob das Ding Beine bekommen hätte. Es tut mir furchtbar leid! Aber sie müssen mir glauben, so hat es sich tatsächlich zugetragen!«

»Die Rolle ist weg!?« Bréanainn klang entsetzt. »Hm, das klingt reichlich konfus! Und wo bitte schön soll dieses Baby sein? Ich sehe es nirgends. Außerdem war die Rolle, die wir dir mitgegeben haben, ganz leicht.«

»Das Baby habe ich kurz beiseitegelegt, aber als ich mich umdrehte, war das auch verschwunden. Wir … wir müssen es suchen!! In der Höhle liegt ein hilfloses Kind! Wir müssen es sofort suchen! Und die Rolle war schwer! Genau genommen ist sie immer schwerer geworden. Mir tun jetzt noch die Arme weh von der blöden Schlepperei.«

»Ein Baby, mitten in der Höhle! Das ist ja lächerlich! Geradezu grotesk! Ich habe schon viele fadenscheinige Ausreden gehört, aber diese …«

»Bréanainn, vielleicht sagt sie die Wahrheit?«

»Von wegen ›vielleicht‹! Ich sage die Wahrheit!«, empörte sich Amanda.

»Sie will nur ihrer Strafe entgehen. Sie hat versagt und uns um ein wertvolles Heiligtum gebracht! Ich verlange vor dem Rat die Höchststrafe!«

Amanda spürte, wie der Kloß wieder dicker wurde und erneut die Tränen in ihr aufstiegen.

»Es war wohl ein kleiner Junge, ich habe ihm zur Beruhigung meine Kette gegeben.«

»Ach, verschon mich mit diesem Quatsch!«

»Es tut mir leid, dass ich versagt habe. Aber hatten sie nicht telepathischen Kontakt zu mir? Dann könnten sie überprüfen, ob ich die Wahrheit sage?!«

Condan tauschte mit Bréanainn verschwörerische Blicke aus.

»Amanda, habt Ihr das Siegel gebrochen?«

Sie wich seiner Musterung aus.

»Ähm … nun ja …«, gab sie kleinlaut zu, jetzt war sowieso alles egal. »Ich dachte, ich könnte das wertvolle Dokument herausnehmen und gleichzeitig mit dem Baby tragen. Die Rolle erschien mir unnötig«, ertönte es kläglich.

»Und was habt Ihr gesehen?«

»Nichts! Rein gar nichts! Da war nichts Besonderes drin.«

»Das Besondere war die Rolle selbst, Amanda. Es gab nie ein heiliges Dokument.«

»Nicht?« Amanda dachte daran, wie sie den Behälter über den Boden geschleift hatte. Sie war nicht gerade sorgsam damit umgegangen.

»Ich denke, wir sollten es ihr sagen.«

Amanda verstand nicht ganz.

Condan begann zu schmunzeln und Bréanainn zuckte mit den Achseln.

»Was sagen?«

»Amanda … das menschliche Leben geht immer vor. Ihr hattet die Aufgabe, die Rolle nicht aus den Augen zu lassen, aber Ihr habt Euch für das Kind in der Notsituation entschieden. Darüber hinaus solltet Ihr das Siegel nicht aufbrechen, und doch habt Ihr es gewagt, Euch über unsere Anweisungen hinwegzusetzen. Das wird Eure Mission nicht einfacher machen, denn manchmal muss man den Anordnungen der anderen unbedingt Folge leisten, aber es beweist, dass Ihr Euren eigenen Kopf habt, und das kann mitunter sehr wohl zum Erfolg führen. Ihr werdet bei Eurer Aufgabe auf Euch allein gestellt sein. Nur Ihr alleine könnt dann beurteilen, wie Ihr Euch zu verhalten habt. Im Leben geht es auch darum zu beweisen, dass man seinen eigenen Ideen vertrauen darf und kann. Und natürlich, dass man bereit ist, die Konsequenzen für sein Handeln zu übernehmen. Ihr habt Euch richtig entschieden, als Ihr die Rolle beiseitegelegt habt. Die Prüfung ist mit Bravour bestanden! Es hätte zu gar keinem anderen Ergebnis führen dürfen. Die Rolle solltet Ihr auf jeden Fall verlieren, das war Teil der Prüfung und so vorbestimmt. Ihr habt die Prüfung bestanden, indem Ihr sie nicht bestanden habt. Wenn man sich dazu entschließt, eine Aufgabe anzunehmen, dann muss man sie auch bis zum Ende durchführen. Aber Ihr habt Ausdauer, Mut und die Fähigkeit bewiesen, sich in ungewöhnlichen Situationen zurechtzufinden und auf sein Können zu vertrauen. Klugheit, da Ihr den Dingen selbst auf den Grund geht, Ehrlichkeit, weil Ihr zu Euren Schwächen und Fehlern steht. Ihr habt einen sicheren Instinkt, das Richtige zu tun und stellt Euch Euren Ängsten. Meine Hochachtung!«

Amanda fühlte sich trotz all dieser Komplimente unwohl und befürchtete, purpurrot im Gesicht anzulaufen. »Ich verstehe immer noch nicht ganz …«

»Vielleicht jetzt.«

Condan zauberte die Rolle hervor.

»Wie … wie ist das möglich?«, stotterte sie vollkommen verblüfft. So schnell konnte sich niemand in den Abgrund abseilen, und anscheinend war sie auch wieder ganz leicht.

»Es gab nie einen Abgrund. Alles nur eine Form der Illusion, Amanda.« Das musste Condan gewesen sein, der ihr diese Worte eingab.

»Waaasss?? Und was … was ist mit dem Baby?«

»Hier!« Bréanainn machte eine Armbewegung und schwenkte mit einem Mal das Kind heftig hin und her. Dieser Bréanainn war wahrlich grausam, Amanda erschauderte.

»Ein Roboterbaby. Sieht täuschend echt aus, nicht wahr. Es kann greifen, schreien, strampeln, na ja, und einiges mehr. Und man kann es fernsteuern. Wir würden nie das Leben eines echten Kindes riskieren! Hier hast du übrigens deine Kette wieder.« Erleichtert atmete Amanda aus und streckte ihre Hand mechanisch nach der Kette. Unsicher beäugte sie die Puppe. Das Baby hatte sehr echt gewirkt, erschreckend lebendig. In der Aufregung und der schlechten Beleuchtung hatte sie den Unterschied aber nicht bemerkt. Sie stupste es an. Es war tatsächlich nicht real. Ja, jetzt, wo sie es wusste, fiel ihr der etwas steife Körper auch auf.

»Dann … dann habe ich alles richtig gemacht?«

»Leider ja«, seufzte Bréanainn.

Condan strahlte.

»Ihr seid eben die Auserwählte.«

»Hm, und wenn ich die Prüfungen nicht gemacht hätte, dann wäre ich wieder nach Hause gegangen und hätte meine Ruhe gehabt?«

»Aber nein. Seinem Schicksal kann man nicht entfliehen. Die Prüfungen waren mehr für Euer Selbstvertrauen gedacht. Wir hätten Euch auch ohne genommen«, zwinkerte er ihr zu.

»Wie bitte?«, empörte sich Amanda. Sie hätte den ganzen Stress nicht auf sich nehmen müssen? Das hatte vorhin aber noch ganz anders geklungen. Sicherlich war sie stolz darauf, die Prüfungen bestanden zu haben, aber noch mehr ärgerte sie der Umstand, dass man mit ihr spielte, sie nach Belieben manipulierte. Und aus dieser komischen »Auserwählten-Nummer« kam sie anscheinend auch nicht mehr heraus.

»Und jetzt? Was nun?«

»Jetzt? Tja, jetzt denke ich, dass es an der Zeit ist, Euch in das Geheimnis der ›time runners‹ einzuweihen!«